Wenn der Neckar ruft
ESSLINGEN: Kanuvereinigung pflegt und organisiert den Wassersport vor der Haustür - Im Merkelpark warten 200 Boote auf den Einsatz
Stefan Trittler war noch ein kleiner Junge, als er zum ersten Mal in ein Kanu gestiegen ist. 40 Jahre sind seither vergangen. Wenn der Neckar ruft und wenn es die Zeit im nahe gelegenen Messergeschäft erlaubt, zieht es den Einzelhändler bis heute an den Fluss. „Das ist einfach eine tolle Sache, das Wasser auf diese Weise zu erleben“, schwärmt er und erzählt von den Streifzügen, die über Wehr- und Roßneckar durch die Esslinger Innenstadt führen. Das sind Eindrücke, die nichts von ihrer Faszination eingebüßt haben.Der Neckar selbst vermag bei den 300 Mitgliedern der Kanuvereinigung, zu denen auch Trittler zählt, nur mäßige Begeisterung auslösen. Auf der Hausstrecke, die von der Pliensaubrücke bis Mettingen reicht, bietet sich ihnen ein recht trostloser Anblick. Der in ein Betonkorsett gezwängte Fluss hat mit den alten Fotos, die Jürgen Lange noch von seinen Eltern kennt, nichts mehr gemein. Trotzdem steigt er fast täglich in sein Kanu. Er betrachtet diese Touren als Training, das er für seine Reisen nach Norwegen und Südfrankreich sowie in die Alpen und in den Südschwarzwald braucht. Dort erst findet er die Herausforderungen, die er auf steilen und engen Gebirgsbächen sucht.
Ein Spaß für alle Generationen
Es gibt viele Vereine in der Innenstadt. Wenige von ihnen sind so auf diesen Standort angewiesen wie die Kanuvereinigung, die vor 86 Jahren gegründet worden ist und die vor 30 Jahren am Rand des Merkelparks ein stattliches Bootshaus gebaut hat. So wie Trittler und Lange hat es in der langen Vereinsgeschichte immer wieder die Bewohner der Innenstadt und weit darüber hinaus gereizt, sich auf dem Neckar zu bewegen. An der Anlegestelle finden sie ein Vergnügen, das alle Generationen anspricht. Kleine Kinder greifen ebenso zum Paddel wie ältere Herrschaften, die längst die 70 überschritten haben.
Bei den internationalen Kanuwettbewerben dominieren Sportler aus Ungarn und Deutschland. Auch in Esslingen freut man sich, wenn die deutschen Starter erfolgreich auf Medaillenjagd gehen. Eigene Ambitionen auf Höchstleistungen sind allerdings wenig ausgeprägt. Die Urkunden und Pokale, die im Vereinsheim zu sehen sind, wurden schon vor langer Zeit gewonnen. „Im Wettkampfsport haben wir einen Durchhänger“, räumt Trittler ein. Die Abstinenz erklärt er mit dem hohen Trainingsaufwand, der erforderlich ist, um sich behaupten zu können. Abfinden will sich der Verein mit diesem Zustand allerdings nicht. Vielmehr wird verstärkt die Zusammenarbeit mit Schulen gesucht, um die junge Generation für den Kanurennsport zu begeistern.
Paddlertreff am Donnerstag
„Für uns steht der Spaß im Vordergrund“, sagt Trittler, der donnerstags den Paddlertreff betreut. Bis zu 20 Teilnehmer, von denen die Hälfte dem Verein als Mitglied angehört, gehen unter seiner Anleitung auf das Wasser. Dass es zu den Voraussetzungen gehört, schwimmen zu können, sollte nicht zu falschen Rückschlüssen führen. Ein unfreiwilliges Bad ist die Ausnahme. Anfänger weist der Übungsleiter zunächst im gemeinsamen Boot in die Geheimnisse dieses Sports ein. Dazu gehört die Kunst, das Kanu geradeaus zu steuern. Entwickelt werden muss auch das Gefühl, wie das Kippen zu verhindern ist. Die Esslinger Kanäle mit ihren Wehren und Strömungen bieten auf einem zweistündigen Rundkurs für diese Schulung gute Voraussetzungen.
Für alte Hasen wie Marco Lichtenfeld ist die Behrrschung des Kanus nur ein reines Kinderspiel. Als kleiner Junge hat er mit seinem Vater auf der Fulda die ersten Ausflüge unternommen. Die Begeisterung spürt er bis heute. Wenn er seine Arbeit „beim“ Daimler in Brühl beendet hat, reicht es auf der Heimfahrt nach Winterbach oft noch zu einem Abstecher in den Merkelpark. Dort vermisst er zwar die Auenlandschaft seiner Heimat in Kassel. Gefunden hat er aber einen Verein, in dem er sich zuhause fühlt. Inzwischen haben auch seine Söhne das Hobby entdeckt. Wenn er am Wochenende auf der Jagst, der Nagold oder Enz unterwegs ist, begleiten sie ihn oft.




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