Lisa stellt sich jetzt auch mal hin und sagt „Nein“
ES-SULZGRIES: Im Kindergarten Sulzgrieser Straße 124 läuft seit zweieinhalb Jahren das Modell „Schulreifes Kind“ - Kooperation mit Grundschule
„Nein, das tu’ ich nicht.“ Oder: „Hilf’ mir bitte mal.“ Kein Gedanke daran, dass Lisa vor Monaten solche Sätze gesagt hätte. Doch Kindergartenkind Lisa (Name geändert) hat Selbstbewusstsein getankt, stellt sich auch mal vor ihre Gruppe hin, um etwas vorzutragen. Die Sechsjährige wird mit drei weiteren Kindern (zwei kommen aus der benachbarten Kita) im Kindergarten Sulzgrieser Straße 124 gezielt in solchen Bereichen gefördert, in denen sie schwächer ist als die anderen. Diese Möglichkeit bietet das „Schulreife Kind“, ein Kooperationskonzept zwischen Kindergarten und benachbarter Grundschule: Alle Erstklässler sollen zum Start ihrer schulischen Karriere möglichst gute Voraussetzungen mitbringen. Das Land erprobt das Projekt momentan an 245 Standorten. Auch wenn man noch nicht wisse, wie sich die Teilnahme auf die Bewältigung der Grundschuljahre auswirke, zeigten erste Ergebnisse aus einer wissenschaftlichen Begleitung des Projekts „bedeutsame Fördereffekte“, heißt es in einem ersten Fazit. Bei Wortschatz, Konzentrationsfähigkeit und mathematischen Vorläuferfertigkeiten hätten sich die betreffenden Kinder deutlich verbessert. Die Ergebnisse belegten, dass sich das oft beobachtete Auseinanderdriften der Entwicklungsverläufe von leistungsschwächeren und leistungsstärkeren Kindern abmildere.
Kein Wissen anhäufen
Hinter „Schulreifes Kind“ verberge sich nun aber nicht, „dass das teilnehmende Kind bis zum Schulstart jede Menge wissen, lesen und schreiben können muss“, betont Erzieherin Silvia Schäfer. Bei besagten vier Kindern sei es eher so gewesen, dass sie „nicht zu hören waren“: Es mangelte ihnen an Selbstbewusstsein. Sie soweit zu bringen, dass sie den Mut haben, nachzufragen, wenn sie etwas nicht auf Anhieb verstanden haben, dass sie vor anderen Kindern Stärke zeigen, sei das Ziel. Schäfer: „Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl müssen vorhanden sein. Das sind die wichtigsten Voraussetzungen, um aktiv am Unterricht und am Lernprozess teilnehmen zu können.“ Das Zeitkontingent - zusätzlich sechs Stunden wöchentlich für pädagogisches Personal - ist für sie denn auch das große Plus dieses Modells. In diesen sechs Stunden kann Schäfer individueller mit den betreffenden Kindern arbeiten, bei Projekten werden deren Eltern mit einbezogen: „In der Kleingruppe kann sich kein Kind verstecken. Jedes einzelne wird immer wieder mit kleinen Dingen motiviert.“
Auch Birgit Schroth vom Sozialpädagogischen Dienst der Stadt betont, dass man mit dem „Schulreifen Kind“ nicht etwas völlig Neues in den Kindergarten trage. Schließlich ermögliche der in den konfessionellen und städtischen Einrichtungen praktizierte ganzheitliche Förderansatz „jedem Kind eine individuelle Bildungsbiografie“. Zudem messe der der Erziehungsarbeit zugrunde liegende Orientierungsplan dem Übergang vom Kindergarten in die Grundschule eine große Bedeutung zu. Schroth hält nichts davon, jedes neue Bildungsmodell sofort in den Kitas umzusetzen: „Ich finde es wenig sinnvoll, drei Stunden Sprachförderung, vier Stunden Musik, dann noch Bewegung oder sonst was in einen Stundenplan zu stopfen. Viel wichtiger ist es, alle diese Aspekte einzubinden und eine gute Kooperation mit der Grundschule zu entwickeln, die im und für den Alltag passt.“
Gepasst hat für sie das Modell „Sprachreifes Kind“ in Sulzgries deshalb, „weil wir damit auf einer bereits früher bestehenden guten Zusammenarbeit mit der damaligen Grund- und Hauptschule und heutigen Grundschule Sulzgries aufbauen können“, betont Schroth. Zumal Leiterin Maria Bach „sehr bewusst mit Bildungsarbeit umgeht“. Auch wolle man das Modell, das seit zweieinhalb Jahren mit unterschiedlichen Teilnehmerzahlen läuft, in überschaubarem Rahmen ausprobieren: „Deshalb bieten wir eine pädagogische Förderung in Sulzgries an, das ja nicht zu den sozialen Brennpunkten in der Stadt zählt.“
Förderung im gewohnten Umfeld
Esslingen hat sich beim „Schulreifen Kind“ für die - von anderen Kommunen selten gewählte - Variante D entschieden: Während bei der A-, B- und C-Möglichkeiten die Förderung in der Schule und häufig auch außerhalb der Kindergartenzeiten läuft, findet sie in Sulzgries überwiegend im gewohnten Umfeld im Kindergarten statt. „Wir wollen die Kinder nicht so augenfällig von der anderen Gruppe isolieren“, betont Maria Bach. Es gibt aber auch Besuche aller Kindergartenkinder in der Schule, etwa bei gemeinsamen Projekttagen. Und manchmal unterrichtet Maria Bach in der Schule: für die Grundschüler ungewohnt, für die Kindergartenkinder hilfreich. Mit ihrer Bezugsperson lernen sie die neue Umgebung schon vor dem Schulstart kennen. Kein Wunder also, dass es ein fröhliches Hallo bei den Grundschülern gibt, wenn die Kindergartenkinder mal wieder im Anmarsch sind. Dass die Kooperation so gut klappe, hänge allerdings auch mit der „großen Offenheit, viel Verständnis und viel Wissen“ von Konrektor Moritz Meurer zusammen, lobt Schroth den Pädagogen.




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