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DER KONSTANZER PFLEGHOF IM WANDEL DER ZEITEN

Der konstanzer Pfleghof im Wandel der Zeiten

Esslingen gehörte im Mittelalter zur Diözese des Bistums Konstanz. Bereits im 14. Jahrhundert wird dem dortigen Domkapitel Grundbesitz in Esslingen zugeschrieben - wobei „nicht aigentlich bekant“ sei, wann genau das Domkapitel seinen Esslinger Pfleghof erworben hat, wie der reichsstädtische Chronist Eberhard Friedrich Eckher anno 1732 notierte.

Der Konstanzer Pfleghof, der im Süden von der Webergasse und im Norden hin zum Hang des Schönenbergs einst von der Stadtmauer und heute von der Augustinerstraße begrenzt wird, hat sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verändert. 1327 wird erstmals eine Hofanlage des Domkapitels Konstanz erwähnt, die sich vermutlich in der Webergasse befand. „Seine Kapazitäten zur Lagerung der Naturaleinkünfte scheinen nicht ausgereicht zu haben, denn der Kon­stanzer Pfleger suchte bei der Stadt nach, ein im Hof des Pfleghofs gelegenes Privathaus erwerben zu dürfen, um Korn, Früchte und Wein besser lagern zu können“, schreibt Christian Ottersbach mit Blick auf die Mitte des 16. Jahrhunderts im Katalog zur Ausstellung „Klöster und Pfleghöfe“.

Nachdem das Ansinnen der Konstanzer 1578 zunächst abgelehnt worden war, bat das Domkapitel 1581 erneut darum, den Pfleghof neu bauen und dabei eine Türe und drei Fenster in die Stadtmauer brechen zu dürfen. Diesem Wunsch stimmte der Rat schließlich zu - allerdings mussten die Fenster aus Sicherheitsgründen vergittert und die Türe mit Eisen beschlagen werden, damit die Stadtmauer im Verteidigungsfalle weiterhin möglichen Angreifern standhalten konnte. Drei Jahre später konnte schließlich der Neubau beginnen, für den der Rat sogar Eichenholz zur Verfügung stellte - „in Ansehung, dass solcher Baw zu Ewer Statt Zierd sowol als auch Ewer Burgerschaft zum Besten raichet“, wie die Konstanzer zuvor versichert hatten. Mitte des 18. Jahrhunderts waren die Mauerdurchbrüche so zahlreich und die Mauer so durchlässig geworden, dass der Konsulent Caspart heftige Bedenken anmeldete: Der Pfleghof liege so nahe bei den Gefängnissen der Stadt, dass die Missetäter bei einer Vorladung leicht durch die Tür fliehen könnten oder „der Pfleger verleitet werden könnte, den Hof als Asyl zu benutzen oder einen Flüchtigen um seiner Religion willen zu retten...“

Den Neubau datiert Ottersbach auf die Jahre 1594/95, wobei sich der Esslinger Zimmermann Jakob Westen „zum Ärger des Domkapitels wohl nicht an die genehmigten Risse hielt“. Der breite Renaissance-Fachwerkgiebel ist hinter der Balustrade der später geschaffenen Terrasse über dem heutigen Antiquitätengeschäft gut zu erkennen. Charakteristisch sind neben der dreischiffigen Erdgeschosshalle, die den Besucher mit ihren bauhistorischen Reizen für sich einnimmt, auch die weitläufigen Kellerräume - eines der Gewölbe nutzte die WLB einst als Theaterpodium. Dass sich der Grundriss der Kellerräume nicht unmittelbar mit dem des heutigen Oberbaus deckt, lässt erahnen, wie sehr sich das Anwesen im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verändert hat.

Nachdem das Domkapitel die Stadt wiederholt um Baumaterial zur Renovierung des Konstanzer Pfleghofs gebeten hatte, wurden 1756 umfassende Erneuerungsarbeiten begonnen - wobei der Rat die Konstanzer verpflichtet hatte, Esslinger Handwerker zu beauftragen. In jener Zeit entstand auch der nicht unterkellerte barocke Vorderbau an der Webergasse mit seinem Mansarddach.

Anno 1804 bestand der Gebäudekomplex nach einer Notiz im damaligen Brandkataster aus dem Pfleghof, womit wohl der barocke Vorderbau gemeint war, dem Fruchtkasten (Renaissancebau) und einem Nebengebäude. Zu dem Anwesen soll demnach auch ein Brunnen gehört haben. „Die reiche Fassadengestaltung im Louis-XVI.-Stil erhielt der Flügel allerdings erst 1904 bei der Instandsetzung durch Albert Benz, der die Fassade mit der alten Hofmauer sehr geschickt vereinheitlichte und den Hof weitgehend durch ein Ladenlokal mit zwei Arkaden überbaute“, schreibt Christian Ottersbach im Ausstellungskatalog.

Unter dem Titel „Zwischen Himmel und Erde - Klöster und Pfleghöfe in Esslingen“ ist ein rund 380 Seiten starkes, reich bebildertes Buch erschienen, das Kirsten Fast, die ehemalige Leiterin der Esslinger Museen, und Joachim Halbekann, Leiter des Stadtarchivs, im Namen der Stadt Esslingen herausgegeben haben. Das Buch ist für 20 Euro in den Buchhandlungen, im Stadtarchiv und Stadtmuseum, in der Ausstellung sowie bei der Stadtinfo im Kielmeyerhaus zu haben.

 

Artikel vom 31.12.2009 © Eßlinger Zeitung

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