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Viel Arbeit, hohe Decken und ein Gartenidyll

ESSLINGEN: Der Kaisheimer Pfleghof ist im Besitz der Familie von Willi Maier und Ursula Kind - Geburtshaus des Turnvaters Theodor Georgii

 
 
 

Von Claus Hintennach

Willi Maier kann sich noch gut daran erinnern, als die Beutau vor dem Haus noch nicht von der Ringstraße durchschnitten wurde. Damals ist er sommers immer wieder von der Mauer in den Brunnen am Fuß der Burgsteige gesprungen. So lange, bis der Schneidermeister Kuch, der seinen Laden direkt nebenan hatte, kam, und die lauten Kinder vertrieb. Kuchs Haus steht ebenso wie viele andere nicht mehr, die beim Bau der Ringstraße haben weichen müssen. Der Beutau-Brunnen ist am Kleinen Markt längst tiefer gelegt worden. Maiers Haus allerdings, das sich seit Ende des 19. Jahrhunderts in Familienbesitz befindet, markiert samt der gegenüberliegenden Kelter nach wie vor den Beginn des Burg-Aufstiegs durch die Weinberge. Der zugemauerte Durchgang zwischen den beiden Gebäuden, die einst zum Kaisheimer Pfleghof gehörten, ist im großen Gewölbekeller des Haupthauses immer noch zu erkennen ist. Noch immer künden die Gebäude vom einstigen Reichtum des im Donau-Ries beheimateten Zisterzienserklosters. Beide Häuser blicken auf eine wechselvolle Geschichte zurück und in beiden wird nach wie vor gewohnt und gewirtschaftet, gebaut und gelagert.Das Haupthaus gehört Willi Maier und seiner Schwester Ursula Kind. Beide wohnen mit Familie unter einem Dach, Maier mit beiden Töchtern und drei Enkeln. Der Maier ' sche Vorfahre Jakob Schneckenburger hat das Gebäude einst für 70 000 Goldmark gekauft. „Es ist mir wichtig, dass das Haus in Familienbesitz bleibt“, sagt Maier. Nicht nur, weil man im Garten unterhalb der Burgstaffel so wunderbar sitzen kann. Sondern weil ihm die Geschichte sehr wohl bewusst ist. Und er dieses Erbe weiterführen will - trotz aller damit verbundener Arbeit und dem großen finanziellen Aufwand.

Für 70 000 Goldmark gekauft

Die Wurzeln des Pfleghofs reichen bis ins frühe 14. Jahrhundert zurück. Hier wohnten nicht nur die Maier ' schen Vorfahren, sondern auch die Familie Georgii. Heinrich August Georgii gründete gemeinsam mit Georg Christian Kessler die Sektkellerei. Georgiis Sohn Theodor wurde hier am 9. Januar 1826 geboren. Später machte sich der Rechtsanwalt Theodor Georgii als Turnvater einen Namen, er war Gründer des Schwäbischen und Vorsitzender des Deutschen Turnerbunds. Auf der Maille steht ihm zu Ehren eine Büste, das Esslinger Gymnasium ist nach ihm benannt.

Heute sind acht Wohnungen und ein kleiner Saal in dem Pfleghof-Hauptgebäude mit Anbau integriert. Die oberen drei Bühnenetagen stehen leer. Willi Maiers Wohnung betritt man über ein imposantes Treppenhaus. Hier ist die Stuckdecke ebenso wie in Zimmern der darunter liegenden Wohnung seiner Schwester noch zu sehen. In anderen Räumen wurden die Decken abgehängt: Die Heizkosten, die nach wie vor hoch sind, wären sonst nicht mehr zu bezahlen gewesen, sagt Maier. Nicht das einzige, das der 72-Jährige im Lauf der Jahre erneuert und verändert hat. Der Sanitärinstallateur mit Meisterbrief hat Gas- und Wasserleitungen verlegt, die Heizungsanlage installiert, Abortgruben stillgelegt und das Haus an die Kanalisation angeschlossen, die Fenster und das Dach erneuert.

„Die Kasse ist immer offen“, verdeutlicht Maier. Egal ob das Geld in zweckdienliche, notwendige Renovierungen oder Schönheitsoperationen fließt. Gut, dass Maier viel selbst erledigen konnte. Vor drei Jahren sind die beiden Giebel renoviert worden. Derzeit sind wieder Dachdecker am Werk, bald werden sich Steinmetze an die bröckelnden Sockelsteine der Fassade an der Burgsteige heranmachen.

„Man wohnt hier sehr schön, gerade mit dem Garten“, will Maier aber all das nicht missen. Zur Burgsteige hin ist selbst der Lärm von der Augustinerstraße kaum zu hören. Hier wird im Schatten der Bäume entspannt Kaffee getrunken, Obstbäume liefern Äpfel und Mirabellen. Hier werden Hühner, zwei Schafe und auch Hasen gehalten.

Hasen, Hühner und Schafe

Ein Schaf wurde vor einigen Jahren von einem Burgstaffel-Ziegel erschlagen. Nicht das einzige, was von dort droben einige Meter tiefer landet. Müll sammelt Maier regelmäßig auf, auch manchen gut gemeinten „Ratschlag“ von den Staffel-Steigern vernimmt er. Der Haus- und Gartenbesitzer ist nicht gerade unglücklich, dass die Staffel wegen der Sanierungsarbeiten derzeit geschlossen ist. Auch am Garten hängen Erinnerungen. Etwa, dass der Sturm Lothar vor zehn Jahren fünf Bäume umgeworfen hat - zum Glück ohne größere Folgen. Auch der nicht lange zuvor renovierte, auf ein Alter von 200 Jahre taxierte Pavillon wurde von einem Stamm knapp verfehlt.

Dass die Pfleghöfe in Esslingen noch heute das Bild der Stadt prägen, ist eine Besonderheit, die in der Franziskanerkirche mit der Ausstellung „Zwischen Himmel und Erde - Klöster und Pfleghöfe in Esslingen“ gewürdigt wird. In einer Serie stellt die EZ Menschen vor, die heute in den Pfleghöfen leben und arbeiten - und natürlich erfahren die Leser auch etwas über die Geschichte der Häuser.

 

Artikel vom 24.10.2009 © Eßlinger Zeitung

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