Wo der Pfleger wohnte, klappern jetzt Kastagnetten

ESSLINGEN: Fürstenfelder Pfleghof beherbergt seit 1894 eine Gaststätte - Manche Besucher kommen nur wegen der Stuckdecken

 


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Von Stephanie Danner

Wer die Stufen im Treppenhaus des Gebäudes Strohstraße 13 das erste Mal erklommen hat und die braune Holztür im ersten Stock öffnet, bleibt fasziniert stehen, legt den Kopf in den Nacken und schaut zur Decke. Sie ist mit Stuck übersät. Blumenranken, Engelsköpfchen, Ornamente aus Früchten und biblische Darstellungen sind dort zu sehen. In der Beletage des Fürstenfelder Pfleghofs logierte der Pfleger. Die ehemalige Raumaufteilung kann der Betrachter anhand der Decke noch erahnen. Die meisten Wände verschwanden nämlich Ende des 19. Jahrhunderts, als das Gebäude zur Gaststätte umgebaut wurde.Die barocken Stuckdecken entstanden nach dem Wiederaufbau 1702. Mit großer Wahrscheinlichkeit stammen sie Kunsthistoriker Christian Ottersbach zufolge von den italienischen Stukkatoren Pietro Francesco Appiani und Giovanni Niccolo Perti. Sie galten seinerzeit als Spitzenleute ihrer Kunst und waren auch im Kloster Fürstenfeld in Bayern tätig. Typisch für ihre Arbeit seien die „noch manieristisch anmutenden Knorpelwerkformen der Ornamente, flache Akanthusranken und vor allem die stark plastischen figürlichen Reliefs sowie Kratzzeichnungen im Stuck“.

 

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Der Stuckateur kommt zu Ehren

Wenig erstaunen dürfte vor diesem Hintergrund der Name des Restaurants, das sich seit etwa einem Jahr in der Strohstraße 13 befindet: „Cappella Appiani“. Gastronom Juan Martinez, der auch den Weinkeller Einhorn in der benachbarten Heugasse betreibt, erzählt: „Bei der Namensfindung haben wir die Geschichte des Hauses nachgelesen. So sind wir draufgekommen.“ Zuvor war es ihm aber völlig unbekannt, dass das Gebäude ursprünglich zu einem Kloster gehörte und sich im Eckzimmer eine Kapelle befand. Diese „Cappella“ wurde jedoch schnell zum Namensbestandteil - und der Stuckateur Perti wird nur nicht genannt, „weil Appiani schöner klingt und beides zusammen zu lang geworden wäre“.

Die Kappelle des Pfleghofs befand sich allerdings im Erdgeschoss. Der Eingang lag direkt an der Hausecke. Ein Engelsköpfchen über dem Türsturz zeigt das bis heute. Später wurde der Eingang zum Fenster umgebaut. Die Stuckdecke des einstigen Kirchenraums ist noch in der Musikkneipe „Ad Astra“, deren Eingang in der Heugasse liegt, zu bewundern. Wo einst die Katholiken beteten, frönen heute die Raucher ihrem Laster. Der Stuckdecke ist das anzusehen. Statt weiß ist sie vergilbt, aber überstrichen werden darf sie aufgrund des Denkmalschutzes nicht. Dennoch erkennt man gut die Darstellung Mariens sowie des andächtigen Heiligen Bernhard von Clairvaux. Rundherum rahmt ein Engelskonzert die Szene.

Über der Kapelle liegt ein runder Raum, der zum Restaurant „Cappella“ gehört. Seine Stuckdecke muss Ottersbach zufolge früher üppiger gewesen sein. Möglicherweise war sie auch mit Tierkreiszeichen bemalt. Dieses Zimmer hat heute ein Kunde von Gastronom Martinez für geschäftliche Besprechungen angemietet. „Für unsere Zwecke war es nicht sehr geeignet“, erläutert der Wirt mit spanischen Wurzeln, der den Flair der Räume ansonsten durchaus nutzt. So gibt es auf einer Bühne immer wieder spanische Tanz- und Musikvorführungen. „Mit Musik ist das hier wirklich eine tolle Atmosphäre“, schwärmt auch die 21-jährige Auszubildende Leyla Saka.

Im hellen südöstlichen Teil des Restaurants lag einst das Zimmer des Pflegers. Dort ziert eine Taube das Plafond, den flachen Mittelteil. Auf der gegenüberliegenden Seite befand sich die Tafelstube mit besonders umfangreicher Stuckdecke. Im Zentrum steht Bernhard von Clairvaux, die Ecken zieren Szenen aus seinem Leben. Besonders aufwändig sind in diesem Teil die Rahmen um die Darstellungen mit Früchten, Engelsköpfchen, Blumen und Ranken. Im Gang zwischen Pflegerzimmer und Tafelraum haben die Künstler die Geschichte Davids aus dem Alten Testament nachgebildet.

Juan Martinez räumt bei all dem aber ein: „Von Schönheit allein lebt man nicht.“ Nur weil die Räume eine schöne Decke haben, komme niemand zum Essen. „Diese Zeiten sind vorbei.“ Häufig sei es so, dass Besucher nur kurz kommen und sagen, sie wollten nur die Decke anschauen. Das kann Martinez zwar nachvollziehen, „aber mein Ziel ist es, diese Leute zum Hierbleiben zu bewegen“. Ähnliche Erfahrungen hat er bereits mit seinem Weinkeller Einhorn gemacht. Auch dort kämen oft Menschen, die einfach mal den schönen Gewölbekeller sehen wollten. „Für die Gastronomie ist das nicht einfach“, erklärt er die Ambivalenz für einen Wirt in historischen Gemäuern.

Der Gewölbekeller ist ein Lager

Außerdem habe das Haus „etliche Wehwehchen“, angefangen beim kalkhaltigen Wasser bis hin zu alten elektrischen Sicherungen. „Instandhaltungen sind hier sehr teuer“, erklärt er. Ähnlich verhält es sich mit dem Keller der Strohstraße 13. Auf den ersten Blick habe er tolle Ideen gehabt, was man da alles machen könnte, erzählt Martinez. Allerdings liegt der Gewölbekeller verwinkelt unter dem Haus, und ein Zugang von außen wäre schon allein aus Denkmalschutz-Gründen nur schwer realisierbar. Zahlreiche Auflagen für die Gastronomie sowie die damit verbundenen Kosten haben Martinez schnell vor der Idee des zusätzlichen Gastraums zurückschrecken lassen. Jetzt nutzt er den Keller als zentralen Lagerraum für seine Gaststätten. Dass die Decke von irgendeinem früheren Besitzer weiß getüncht wurde, findet er schade. „Man sieht den schönen Sandstein gar nicht mehr.“

Dass die Pfleghöfe in Esslingen noch heute das Bild der Stadt prägen, ist eine Besonderheit, die ab 27. September in der Franziskanerkirche mit der Ausstellung „Zwischen Himmel und Erde - Klöster und Pfleghöfe in Esslingen“ gewürdigt wird. In einer Serie stellt die Eßlinger Zeitung Menschen vor, die heute in den Pfleghöfen leben und arbeiten - und natürlich erfahren die Leser auch etwas über die Geschichte der Häuser.

Im Rahmenprogramm zu der Ausstellung gibt es am Sonntag, 18. Oktober, von 11 bis etwa 13.30 Uhr im Restaurant „Cappella Appiani“ Gitarrenklänge unter barocker Decke. Der Peruaner Jorge P. Castañeda lebt nach seinem Musikstudium in Warschau und Graz seit 2006 als Stipendiat von Jehudi Menuhin „Live Musik Now“ in Stuttgart. Für das intime Konzert im Fürstenfelder Pfleghof, das sich im Wechsel mit den Gängen zu einer kleinen Suite entwickelt, spielt er Barockmusik aus seiner Heimat und Flamenco. Menu: Aperitif, Tomatencremesuppe, Vorspeisenteller mit mediterranem Gemüse, Meeresfrüchteteller, Tarta di Santiago. Kosten für Musik und Brunch (ohne Getränke): 29 Euro.

Vorverkauf von Montag, 28. September, bis Donnerstag, 15. Oktober, in der Stadtinformation Esslingen.

Artikel vom 23.09.2009 © Eßlinger Zeitung

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