Nur eine kleine Tafel erinnert an den Bläsihof
ESSLINGEN: Keine Spuren mehr vom einstigen Besitz des Klosters St. Blasien im Unteren Metzgerbach – Zunfthaus der Kärcher
„Viele Touristen machen zwar ein Foto von der Tafel. Aber dass sie Näheres zu der Geschichte des Bläsihofs wissen wollen und nachfragen, das habe ich noch nicht erlebt.“ Das erzählt Claudia Glemser, Mitarbeiterin im Café Mayer, mit Blick auf die Tafel, die am Gebäude Unterer Metzgerbach 18/1 angebracht ist. An diesem Platz stand der 1265 erstmals erwähnte Pfleghof des Benediktinerklosters St. Blasien im Schwarzwald. Von Elisabeth Schaal Dabei handelte es sich um ein zweigeschossiges Haus mit steinernem Erdgeschoss, einem Fachwerkobergeschoss und einem Zwerchhaus. Das Hauptgebäude war ungefähr 23 Meter lang und knapp zehn Meter breit. Pläne des Hofs sind nicht mehr vorhanden. Mehr als das, was auf der Tafel steht – wenige Jahreszahlen – wüssten auf Fragen von Stadtbummlern im Übrigen weder Glemser noch Café-Inhaberin Erika Mayer-Jüstel zu erzählen. Viel Wissenswertes zum Bläsihof hat dafür Tobias Binkert ausgegraben. Die aktuellen Forschungsergebnisse des Studierenden am Historischen Seminar der Universität Tübingen werden im Buch nachzulesen sein, das zur Eröffnung der Pfleghof-Ausstellung erscheint. Ums Jahr 1250 hatte der Abt von St. Blasien eine Propstei in Nellingen errichtet, die wegen der großen Entfernung zum Mutterkloster weitreichend selbstständig agieren konnte. Wesentlicher Grund für den Ausbau des so weit entfernt liegenden Besitzes dürfte das Interesse am Anbau und am Handel mit Wein gewesen sein – und wichtiger Bestandteil dafür war eben der Zugang zum Esslinger Markt. Zunächst hatte der Verwalter der Propstei Nellingen, Heinrich von Eybach, dem Kloster im Jahr 1265 ein von ihm in Esslingen gebautes Haus vermacht. Das Gelände südlich des Metzgerbachs beziehungsweise westlich der zum Pliensauturm führenden Pliensaustraße hatte er von einem Esslinger Bürger gekauft. Vier Jahre später wurde ein in nördlicher Richtung angrenzender Hof erworben. Bereits im Jahr 1277 hatte sich der Pfleghof zu einem Anwesen mit mehreren Gebäuden gemausert. Zu diesem Zeitpunkt verpflichtete sich das zunächst von allen städtischen Diensten und Steuern befreite Kloster schließlich zur Zahlung einer jährlichen Pauschale.
Gewalttätige Übergriffe
Im Gegenzug erhielt St. Blasien, das wiederholt zu den städtischen Kreditgebern zählte, das Esslinger Bürgerrecht. Ein cleverer Schachzug der Reichsstadt, denn „die Verleihung war ein beliebtes Mittel, um die Sonderstellung der Geistlichkeit zumindest etwas einzuschränken“, schreibt Binkert. Doch allen umfangreichen wirtschaftlichen Kontakten zum Trotz, die beide Seiten miteinander pflegten – das politische Verhältnis zwischen ihnen war häufig gestört – und zwar massiv. Zu sehr lehnten sich die Nellinger Pröpste an die Grafen von Württemberg an – natürlich zum äußersten Missfallen der Stadt. Die Streitereien führten immer wieder zu gewalttätigen Übergriffen der Esslinger auf den Klosterbesitz, der in der Stadt dank zahlreicher Schenkungen immer größer geworden war. So wurde 1449 im eskalierenden Krieg zwischen Esslingen undWürttembergdasDorfNellingen von Esslinger Truppen angesteckt und der Esslinger Hof der Propstei erheblich beschädigt. Nach dem Sieg Württembergs musste sich die Stadt verpflichten, beschlagnahmte Weinfässer, Bücher und Urkunden zurückzugeben und Schadenersatz zu zahlen. 70 Jahre später nutzten die Esslinger den Krieg des Schwäbischen Bundes gegen Herzog Ulrich von Württemberg, um erneut in den Bläsihof einzudringen und die Vorräte zu plündern. Diesmal verweigerte die Stadt nach dem Ende der Kampfhandlungen jedoch eine Entschädigungszahlung. Das Ende des Klosterbesitzes von St. Blasien in Esslingen und Nellingen kam mit dem Dreißigjährigen Krieg. Schon 1632 hatte der siegreiche Schwedenkönig Gustav Adolf den Hof der Stadt zugesprochen. Sein Tod schwächte allerdings die protestantische Seite und das Anwesen musste zurückgegeben werden. Doch weil im Krieg die Besitztümer des Klosters schwer in Mitleidenschaft gezogen worden waren, brauchte St. Blasien dringend Geld für den Wiederaufbau – und gab das Amt Nellingen 1649 an Württemberg ab. Ein Jahr später wurden der Pfleghof und andere Besitztümer in und um Esslingen an die Stadt verkauft – für 5000 Gulden in mehreren Raten.
Brände zerstören Gebäude
Die Zunft der Kärcher (Fuhrleute) übernahm vier Jahre später von der Stadt den Hof und nutzte das Anwesen als Zunfthaus. Im Juli 1805 wurde der gesamte Komplex des ehemaligen Bläsihofs beziehungsweise des Kärcher-Zunfthauses für 1650 Gulden an zwei Esslinger Bürger, den Fuhrmann Christoph Rohm d. J. sowie den Bäcker Christoph Gottlieb Bojus, verkauft. Dessen Anteil ging 1815 an Rohm über. Noch zu diesem Zeitpunkt, so recherchierte Autor Tobias Binkert, habe der ehemals ummauerte Komplex aus einem Vorderhaus am Metzgerbach, einem Hof mit Pumpbrunnen sowie mehreren Scheunengebäuden bestanden. Das Vorderhaus am Metzgerbach sei dann im Jahr 1824 weitgehend ausgebrannt. Das dahinter liegende spätgotische Scheunengebäude, in dem die Farb- und Kittwarenfabrik Wirth untergebracht war, sei im April 1911 ebenfalls ein Raub der Flammen und anschließend abgerissen worden. Da auch die hinteren Scheunen beim Bau der Martinstraße abgerissen beziehungsweise an einen anderen Ort versetzt worden seien, sei so gut wie keine originale Bausubstanz des ehemaligen Bläsihofs mehr vorhanden, schreibt Tobias Binkert.
Dass die Pfleghöfe in Esslingen noch heute das Bild der Stadt prägen, ist eine Besonderheit, die ab 27. September in der Franziskanerkirche mit der Ausstellung „Zwischen Himmel und Erde – Klöster und Pfleghöfe in Esslingen“ gewürdigt wird. In einer Serie stellt die Eßlinger Zeitung Menschen vor, die heute in den Pfleghöfen leben und arbeiten – und natürlich erfahren die Leser auch etwas über die Geschichte der Häuser.



Artikel kommentieren