Sicheres Plätzchen in unsicheren Zeiten für klösterliche Wertsachen
Adelberger Pfleghof einst Wohnsitzes des Abtes - Seit 1248 im Besitz des Asylrechts - Gebäude 1822 abgerissen
Von Elisabeth Schaal
Zum Schluss muss das Anwesen in einem miserablen Zustand gewesen sein: Im Dezember 1779 wagten die Handwerker gar nicht mehr, einen halbwegs verlässlichen Kostenvoranschlag für eine Renovierung abzugeben. Das Haus sei „ganz und gar entbehrlich“. Zehn Jahre später war der Dachboden nur noch unter Lebensgefahr zu betreten, und „im ganzen Haus ist kein Fenster Flügel mehr“. Anfang der 1820er-Jahre wurde der Adelberger Freihof schließlich abgerissen. Bis dahin hatte das ursprünglich außerhalb der engeren Stadtbefestigung in einem Gartengelände direkt an der Reichsstraße von Cannstatt nach Ulm in der Obertorvorstadt gelegene Anwesen eine bewegte Geschichte hinter sich. Spuren davon werden allerdings auch die Studierenden der Hochschule Esslingen nicht mehr entdecken, die heute in diesem Bereich steht. Der Hof ist vollständig aus dem Stadtbild der Obertorvorstadt verschwunden.
Rasch begütert dank Schenkungen
Erstmals erwähnt worden sei der Adelberger Pfleghof 1248 in einem Vergleich zwischen dem Prämonstratenserkloster Adelberg und der Stadt. Das, sagt Christian Rilling, kommissarischer Leiter der Städtischen Museen Esslingen, lasse darauf schließen, dass sich das Gebäude bereits früher in klösterlichem Besitz befunden habe. Das Chorherrenstift Adelberg, in der Nähe des ehemaligen Dorfes Hundsholz zwischen Göppingen und Schorndorf gelegen, war 1178 von Volknand von Staufen, einem Vetter dritten Grades Friedrich Barbarossas, gegründet worden. Kaiser Friedrich I. hatte 1181 die Herren von Staufen zu Vögten von Adelberg bestimmt. Nicht zuletzt dank Schenkungen der Staufer war das Stift recht schnell begütert geworden. Ein von Königin Irene (genannt Maria) 1208 geschenkter Hof war der erste Besitz des Klosters Adelberg in Oberesslingen. Weitere Schenkungen, unter anderem eben auch der Hof in der Obertorvorstadt, kamen dazu. Von der Stadt von Steuern und Dienstleistungen befreit, hatte er weniger eine wirtschaftliche Funktion, sondern diente dem Abt als Wohnort, wenn dieser sich in Esslingen aufhielt. Das Haus galt als so sicher, dass darin auch Wertgegenstände des Klosters aufbewahrt wurden, wenn wieder einmal unruhige Zeiten herrschten.
Verwalter aus Zell und Altbach
1411 waren die als Laien aufgenommenen Eheleute Heinrich und Irmela Saltzmann aus Altbach zeitlebens in den Esslinger Hof aufgenommen worden. Sie verpflichteten sich, die Klostergüter in Esslingen und im Neckartal zu verwalten und ihren gesamten Besitz dem Kloster zu vermachen. Ein Vierteljahrhundert später nahm ein Ruf Götteler die Aufgaben als sogenannter Pfleger, als Verwalter, wahr. „Man könnte darauf schließen, dass das Kloster bevorzugt Untertanen aus Altbach und Zell als Pfleger einsetzte“, schreibt Ursula Kümmel in ihrem Beitrag zum Adelberger Pfleghof (siehe Anhang). Die Herrschaft des Stifts über Zell und Altbach habe die beiden Orte über Jahrhunderte geprägt. Es besaß im Übrigen acht weitere Dörfer, 19 Weiler, 37 Höfe, 22 Mühlen und Grundbesitz in 114 Orten. Der Freihof war seit 1478 von der Steuerpflicht befreit. Auffallend ist zudem, dass er in der von 1330 an ummauerten Obertorvorstadt – wie nur noch der Bläsihof in der alten Pliensauvorstadt – außerhalb der Kernstadt lag. In einem 1597 angelegten Lagerbuch ist notiert, dass zum Adelberger Hof ein Gebäude mit drei Stuben, dahinter eine Kapelle, ein Pferde- und Kuhstall, Scheuer, Fruchtkasten, Wasch- und Badehäuschen, eine weitere Unterkunft, ein großer Baumgarten und ein großer Hof gehörten. Genannt werden laut Kümmel auch die „freystuben“, auf die sich die Bezeichnung Freihof gründet: Hinweis auf das Asylrecht, das der Pfleghof seit 1248 besaß und das Kaiser Friedrich III. im Jahr 1484 bestätigte – und was immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Kloster und Stadt führte. Verbrechern, die in den Hof flüchteten, wurde Asyl gewährt. Fünfmal wurde im 16. Jahrhundert davon Gebrauch gemacht, danach verlor dieses Recht an Bedeutung. Kümmel: „Dementsprechend wurde die Freistube Ende des 17. Jahrhunderts abgebrochen.“ Nachdem das Adelberger Kloster während des Bauernkriegs zerstört worden war, hatte sich Abt Leonhard 1526 in seinen Esslinger Hof zurückgezogen und das Bürgerrecht erhalten. Einige Jahre davor hatte dieses Unterfangen nicht geklappt: Mit den Wertgegenständen des Klosters hatte der Geistliche versucht, in den Freihof zu flüchten. Der war jedoch besetzt: Der Schwäbische Bund war ihm in den Auseinandersetzungen mit Herzog Ulrich zuvorgekommen. Nach Einführung der Reformation ging der Freihof zunächst in württembergischen Besitz über, fiel aber im Zug der Gegenreformation 1630 wieder ans Kloster zurück. Nach dem Westfälischen Frieden 1648 wurde das Kloster endgültig aufgehoben, der Freihof erneut württembergisch – „und wie andere württembergische Pfleghöfe baulich vernachlässigt“, schreibt Kümmel.
Großer Renovierungsbedarf
Gut 100 Jahre später finden sich in Unterlagen dieverse Aufzeichnungen, was man alles erneuern sollte. Noch 1788 scheint man eine Renovierung erwogen zu haben, doch ein Oberwerkinspektor Groß fällte ein vernichtendes Urteil über die damalige Bausubstanz. Dennoch bestand noch 1804 der Freihof mit Scheune, Gärten, Höfen und der steinernen Kapelle. 1821 lebte wie immer wieder seit Jahrhunderten ein Steuerstreit auf: Der Stadtrat akzeptierte einen Kaufbrief nicht, weil der potenzielle Käufer der Steuerpflicht nicht nachkommen wollte. Ursula Kümmel: „1822 kam es dann doch zum Verkauf und anschließend zum Abriss des Adelberger Freihofs.“
Unter dem Titel „Zwischen Himmel und Erde – Klöster und Pfleghöfe in Esslingen“ erscheint im September ein rund 340 Seiten starkes, reich bebildertes Buch, das Kirsten Fast, ehemalige Leiterin der Esslinger Museen, und Joachim Halbekann, Leiter des Stadtarchivs, im Namen der Stadt Esslingen herausgeben.



Artikel kommentieren