PLATZ FüR 40 EIMER WEIN
Übrig geblieben ist nur der Gewölbekeller
ES-WäLDENBRONN: Der Söflinger Pfleghof gehörte einst zu einem reichen Bettelorden
Dass hier mal ein Pfleghof gestanden hat, wissen nur noch die älteren Bewohner von Wäldenbronn. An der Stettener Straße ungefähr gegenüber dem Achtröhrenbrunnen lag einst der Söflinger Pfleghof, ein Anwesen, das von 1258 bis 1768 dem Klarissenkloster Söflingen bei Ulm gehört hat. 1944 wurde bei Bombenangriffen das zerstört, was damals noch von den alten Anlagen gestanden hatte. Vom Pfleghof selbst ist heute also nichts mehr zu sehen, aber wer in die Tiefe geht, der findet noch Überreste.„Ja, wir haben einen alten Gewölbekeller“, sagt Alexandra Jacob-Müssel. Sie wohnt mit Mann und zwei Söhnen in dem Haus, das wie ein Fachwerkhaus aussieht. „Aber das Haus ist nicht alt“, erklärt der Gatte Klaus Müssel. „Ab Bodenplatte ist alles von 1994. Früher war das wohl ein Pferdestall. Beim Abriss hat man die alten Balken aufgehoben und wieder verwendet. Tragende Funktion haben die nicht.“ Doch schön sehen sie aus, die dunklen Holzbalken in Wohnzimmer und Küche und heller gestrichen in der Fassade. „Es ist irgendwie gleich gemütlicher“, findet die Frau des Hauses. Vom alten Pfleghof, auch Söflinger Kelter genannt, haben die beiden noch nichts gehört.Söflingen war eines der frühesten Klarissenkloster nördlich der Alpen und gehörte zu den reichsten Klöstern des Ordens in ganz Deutschland, schreibt Stadtarchivar Joachim J. Halbekann in seinem Aufsatz für die Ausstellung über Esslinger Pfleghöfe, die im September zu sehen sein wird. 1484 wurde der Besitz des Klosters auf stolze 100 000 Gulden geschätzt. Ihren Besitz verdankten die Nonnen der Großzügigkeit des Grafen Hartmann IV. von Dillingen an der Donau. Er schenkte dem Kloster 1258 zunächst seinen gesamten Söflinger Besitz, im selben Jahr auch noch mehrere Weinberge sowie einen Wirtschaftshof in Wäldenbronn. 20 Jahre später erwarben die Klarissen weitere Weinberge im Hainbachtal. Vier Lehensnehmer bewirtschafteten das Anwesen - offenbar erfolgreich. Denn eine Steuerliste aus der Mitte des 15. Jahrhunderts schätzt den Besitz der Nonnen, die aufgrund ihres Armutsgelöbnisses Abgabenfreiheit genossen, auf 2000 Pfund. Das Dominikanerkloster in der Stadt galt zur gleichen Zeit mit geschätzten 1300 Pfund als das wohlhabendste innerstädtische Bettelordenskloster.Einen Reichtumseinbruch brachte der Große Städtekrieg Ende des 14. Jahrhundert, in dem die Württemberger die Gebäude und Weinberge des Söflinger Pfleghofs zerstörten. Die Nonnen brachten aber Geld auf, um das Anwesen 1452 wieder aufzubauen. 300 Jahre lang warf der Pfleghof offensichtlich Gewinn ab. Am 30. September 1768 verkaufte das Kloster Söflingen seine Besitzungen im mittleren Neckarraum. Der Pfleghof in Wäldenbronn ging an den württembergischen Hofrat Elias Benjamin Tritschler, der ihn schon im Jahr darauf für 1510 Gulden an Johann Ludwig Eberspächer aus Obertal verkaufte. Die Weinberge und Felder gingen an die vorherigen 42 Lehensnehmer, Wäldenbronner Wengerter und Bauern.
Immer wieder bröselt was runter
Diese nutzten noch lange den Gewölbekeller, der sich bis heute unter mehreren Häusern durchzieht. Einen acht bis zehn Quadratmeter kleinen Teil davon nutzen die Müssels. Noch ebenerdig geht vom Eingangsbereich ihres Hauses ein kleiner Vorraum ab, ein paar Stufen führen unter die Erde in den Gewölbekeller. Kühl ist es hier, die Müssels nutzen ihn als Abstellraum für Fahrräder und allerlei Krimskrams. „Hier ist der Keller zugemauert worden“, sagt Klaus Müssel und zeigt auf die Stirnseite. Er selber traue der Bausubstanz nicht so sehr: „Es bröselt immer mal was runter.“ Seine Frau beruhigt: „Wenn das jetzt ein paar hundert Jahre alt ist, hält das sicherlich noch länger.“
Ihrem auf alt getrimmten Haus haben die beiden einen großen Balkon mit Glasboden angesetzt. Den hat Klaus Müssel gebaut. Als Mitinhaber der Firma Glasbau Eberspächer in Köngen weiß er, was man alles mit Glas machen kann. Alexandra Jacob-Müssel arbeitet in der Qualitätskontrolle von J. Eberspächer in Esslingen und das Haus haben die Müssels von einem Eberspächer gekauft. Ob dieser ein direkter Nachfahre des Johann Ludwig Eberspächer aus Obertal ist, der 1769 den Pfleghof gekauft hatte, ist unklar.
Auch Nachbar Giovanni Colasberna hat eine Beziehung zu Eberspächer, denn bei J. Eberspächer hat er 30 Jahre lang gearbeitet. Der Frührentner wohnt mit Gattin und Tochter seit zwei Jahren in der Stettener Straße 86. Er weiß ebenfalls nichts über die Geschichte des Hauses, aber auch er kann mit einem Gewölbekeller aufwarten. „Wollen Sie gucken? Gucken Sie!“ Mehrere gewundene Stufen abwärts liegt der ungefähr 5 mal 30 Meter lange Keller. Er steht fast leer, ein paar Schachteln und Baumaterial lagern hier. Das einzig Historische, was Colasberna hier entdeckt hat, ist eine Eßlinger Zeitung aus den 1950er-Jahren, die als Wandverkleidung genutzt worden war. „Der Keller ist gut für Lebensmittel und Wein“, sagt Colasberna. „Alte Leute haben mir erzählt, dass hier früher viel Wein gelagert wurde.“ An der einen Stirnseite führt eine Öffnung in einen kleinen Nebenraum. „Vielleicht wurde da Eis aufbewahrt“, meint Colasberna. Wenn es im Sommer draußen heiß ist, gehe er manchmal hier runter. Einen Weinkeller wird er allerdings nicht mehr anlegen: „Wir müssen ausziehen, sagen die Vermieter.“
Dass die Pfleghöfe in Esslingen noch heute das Bild der Stadt prägen, ist eine Besonderheit, die ab 27. September in der Franziskanerkirche mit der Ausstellung „Zwischen Himmel und Erde - Klöster und Pfleghöfe in Esslingen“ gewürdigt wird. In einer Serie stellt die Eßlinger Zeitung Menschen vor, die heute in den Pfleghöfen leben und arbeiten - und natürlich erfahren die Leser auch etwas über die Geschichte der Häuser.
Platz für 40 Eimer Wein
Dort, wo in Wäldenbronn einst das Klarissenkloster aus Söflingen bei Ulm seinen Pfleghof hatte - auf der Höhe der Stettener Straße 86 - stehen heute Einfamilien- und Reihenhäuser. Die meisten wurden nach dem Krieg gebaut, galt es damals doch Wohnungen zu schaffen. Mit der Baugeschichte des Söflinger Pfleghofs hat sich die Historikerin Gabriele Unger befasst. Sie kommt zu dem Schluss, dass es bereits im 13. Jahrhundert im Hainbachtal in Wäldenbronn die ersten Gebäude gegeben hat, die später zum Wirtschafts- oder Pfleghof des Klosters Söflingen gehört haben. Genaueres aus dieser Zeit sei nicht bekannt. Ein Plan von 1725, also vom Ende des klösterlichen Eigentums, zeigt Genaueres: Demnach bildeten ein zweigeschossiges Wohnhaus aus Stein mit Fachwerk, sowie ein einstöckiger Stall und ein Keltergebäude mit zwei Kelterbäumen, also hölzernen Hebelpressen für die Weintrauben, das Hauptanwesen. Der große Keller fasste stolze 40 „Esslinger Eimer“, ein „Eimer“ entsprach 300 Liter.
Vor dem Hof befand sich ein öffentlicher Platz mit einer großen Linde und einem Brunnen. Lehensleute bewirtschafteten für das Kloster den Hof und die Ländereien bis 1768. Dann verkauften die Klarissen ihre Liegenschaften an einen Privatmann. Der veräußerte kurz darauf die einzelnen Gebäude an mehrere Einzelpersonen, die die Häuser umbauten. Die Kelter wich zwei neuen Gebäuden, Wohnhaus und Stall wurden erweitert. Bis ins 20. Jahrhundert entstanden vermutlich vier Häuser, jedes mit einem Stall oder einer Scheuer. Beim Luftangriff im März 1944 wurden die Gebäude zum größten Teil komplett zerstört. Das einstige Wohnhaus und den Stall baute man zunächst wieder auf. Der Stall könnte auf dem Areal gestanden haben, auf dem nun Familie Müssel wohnt, die den Abriss des dortigen Pferdestalls Anfang der 1990er-Jahre verfolgt hat. Auf dem restlichen Gebiet des Söflinger Pfleghofs wurden in den 50er- und 60er-Jahren Wohnhäuser errichtet. Unger geht davon aus, dass der im 18. Jahrhundert erwähnte große Keller zum Teil in den heutigen Häusern zu finden ist - zum Beispiel im Haus der Familie Colasberna.gvl
Das 340 Seiten starke Buch „Zwischen Himmel und Erde - Klöster und Pfleghöfe in Esslingen“ erscheint im September. Kirsten Fast, ehemalige Leiterin der Esslinger Museen, und Joachim Halbekann, Leiter des Stadtarchivs, geben es heraus.



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