Ein feiner Duft liegt in der Luft

ESSLINGEN: Sektmanufaktur Kessler produziert seit 180 Jahren im Speyrer Pfleghof und setzt auf das Wechselspiel von Tradition und Moderne

Von Dagmar Weinberg

Dass der Speyrer Pfleghof für Eberhard Kaiser „ein magischer Ort“ ist, liegt nicht nur daran, dass er bei der Sektmanufaktur Kessler für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Er hat Geschichte studiert und weiß somit das historische Ambiente seines Arbeitsplatzes zu schätzen. Der ehemalige Wirtschaftshof des Domkapitels Speyer, in dem ein feiner Schaumwein-Duft den Besucher umfängt, nimmt nicht nur wegen seiner enormen äußeren Dimensionen eine Sonderstellung unter den Esslinger Pfleghöfen ein. Auch die historische Ausstattung blieb erhalten - und das obwohl hier seit 180 Jahren Sekt produziert wird. „Man war sich schon immer der Geschichte und Bedeutung dieses Hauses bewusst und ist deshalb seit Georg Christian Kesslers Zeiten sehr schonend mit dem Gebäude umgegangen“, weiß Eberhard Kaiser und legt ein Foto aus dem Jahr 1907 auf den Tisch, das den Betrachter in Erstaunen versetzt. Wo man sich heute in stilvollem Rahmen zu Empfängen oder Familienfeiern trifft, wurde damals gehobelt, gesägt und genagelt. Denn im Wappenzimmer - das frühere Refektorium, dessen Interieur man im Jahr 1614 erneuert hatte - war die Kistenschreinerei untergebracht. Doch ging man so sensibel mit dem historischen Erbe um, dass der Raum keinen Schaden nahm.Dass man in den Gebäuden am Marktplatz, im Gegensatz etwa zum Salemer Pfleghof , nicht Balken zersägt und Decken herausgerissen hat, hängt für den Historiker auch damit zusammen, dass das Haus über Jahrhunderte hinweg in der Hand des Domkapitels Speyer war. „Mit Häusern ist es im Grunde wie mit den Produktmarken“, meint Kaiser. „Je öfter sie verkauft werden, desto schneller sind sie platt, weil der Verkauf ein Indiz dafür ist, dass der Eigentümer das Produkt nicht wirklich liebt.“

 

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Einheit von Marke und Gebäude

In Deutschlands ältester Sektmanufaktur liebt man hingegen das Produkt, mit dem man zudem stets ausreichend Geld erwirtschaftete, um das historische Gebäude zu pflegen und zu erhalten. „Wir sehen dieses Haus als ganz elementaren Unternehmenswert. Die Marke Kessler ist untrennbar mit diesem Gebäude verbunden“, erklärt der Pressesprecher, der weiß, dass es in den 60er-Jahren Überlegungen gegeben hatte, die Sektproduktion in ein modernes Gebäude auf der grünen Wiese zu verlagern, das auf die Produktionsabläufe zugeschnitten gewesen wäre. Denn in den historischen Gemäuern am Marktplatz müssen die 30 Mitarbeiter Kompromisse machen und kreativ sein. „Es steht immer mal wieder was im Weg und wir können uns hier nicht ausdehnen“, erklärt Eberhard Kaiser und nimmt den Besucher mit auf eine Erkundungstour durch das riesige Gebäude, bei der es treppauf, treppab durch die Jahrhunderte geht.

Im Flaschenlager wird klar, was es heißt, an historischem Ort zu produzieren. Denn dort misst der Raum gerade einmal 1,90 Meter Höhe. Doch das geringe Maß ist nicht wirklich ein Problem. „Der Flaschenhersteller weiß, dass die Paletten für uns halt auf diese Höhe abgestimmt werden müssen“, berichtet Eberhard Kaiser, für den das Wechselspiel zwischen Tradition und Moderne das Besondere der Marke „Kessler“ ist und den Reiz seines Arbeitsplatzes ausmacht. „Geschichte darf nicht museal werden. Wenn in diesem Gebäude kein modernes Leben möglich wäre, wäre es auch das Ende für dieses Haus.“

Dass man im Hause Kessler, das sich von seiner finanziellen Schieflage erholt hat, auch in früheren Jahren Neuem aufgeschlossen gegenüber stand, wird an jener Stelle deutlich, an der silberne Rohre durch die Außenmauer kommen. „Hier wird der Grundwein durch die Sekt-Pipeline gepumpt, die unter dem Marktplatz verläuft“, erklärt der Pressesprecher. Ausgangspunkt der Edelstahlrohre ist die Kelter des Kaisheimer Pfleghofs. Denn sie ist das Geburtshaus des ersten deutschen Schaumweins.

Ein Haus voller Emotionen

An der Augustinerstraße hatte Georg Christian Kessler am 1. Juli 1826 gemeinsam mit seinem Freund Heinrich August Georgii die Firma G.C. Kessler & Co. gegründet. Im ersten Jahr kamen 4000 Flaschen in den Handel, ein Jahr später waren es bereits 30 000. „Das zeigt, wie rasant sich die Firma entwickelt hat“, sagt der Historiker, der natürlich froh ist, dass man in den 60er-Jahren die Neubaupläne schnell wieder verwarf. „Dann hätte sich nämlich auch die Marke verändert“, ist er überzeugt. „Wenn ich kein Rüttelpult mehr habe, dann kann ich das auch in der Werbung nicht zeigen.“

Da Werbung aber Emotionen erzeugen soll, sei die Produktion im Speyrer Pfleghof genau am richtigen Ort. „Für unser Unternehmen ist das eine riesige Chance, weil die emotionale Kraft aus diesem Gebäude kommt.“ Wie das Kessler-Haus auf Außenstehende wirkt, merkt Eberhard Kaiser immer wieder, wenn er Besuchergruppen durchs Haus führt oder bei Veranstaltungen dabei ist. „Die Leute kommen oft gestresst an, entspannen sich dann aber in diesem wunderschönen Umfeld ganz schnell.“ Und das sei am Ende die beste Werbung fürs Haus. „Wir erzeugen Emotionen, ohne dass wir die Menschen manipulieren müssen.“

Dass die Pfleghöfe in Esslingen noch heute das Bild der Stadt prägen, ist eine Besonderheit, die ab 27. September in der Franziskanerkirche mit der Ausstellung „Zwischen Himmel und Erde - Klöster und Pfleghöfe in Esslingen“ gewürdigt wird. In einer Serie stellt die Eßlinger Zeitung Menschen vor, die heute in den Pfleghöfen leben und arbeiten - und natürlich erfahren die Leser auch etwas über die Geschichte der Häuser.

Im Rahmenprogramm zur Ausstellung erklingt am Donnerstag, 14. Januar, im Gründer-Saal des Speyrer Pfleghofs maurisch-italienische Musik für Gitarrenduo und Theorbe.

Artikel vom 28.08.2009 © Eßlinger Zeitung

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