Wo einst der Kaiser logierte
ESSLINGEN: Seit 1977 gehört der Salemer Pfleghof der katholischen Kirche und hat heute wieder eine klösterliche Besetzung
Francesco Virga kennt den Salemer Pfleghof wie seine Westentasche. Denn er ist in dem mächtigen Gebäude an der Augustinerstraße groß geworden. Nachdem die katholische Kirchengemeinde das Gebäude gekauft und zum Gemeindezentrum umgebaut hatte, übernahm sein Vater Salvatore die Stelle des Hausmeisters. Er ist seit einigen Wochen im Ruhestand, jetzt tritt der Sohn in seine Fußstapfen. „Ein Hausmeisterjob in irgendeinem Haus hätte mich niemals interessiert“, sagt der ausgebildete Gas- und Wasserinstallateur, der viele Jahre in seinem Beruf gearbeitet hat. „Aber dieses Haus ist etwas ganz Besonderes. Das ist unsere Heimat und wir haben das Haus immer so behandelt, als wäre es unser eigenes“, unterstreicht der 37-Jährige und lädt den Besucher zu einem Gang in die Unterwelt ein. Wo im Mittelalter Wein gelagert wurde, hat sich die italienische Musikgruppe Pumos einen Probenraum eingerichtet. Ein paar Türen weiter steht man in der ehemaligen Kellerdisco, in der auch Francesco Virga in jungen Jahren manchen Abend verbracht hat. Heute hat der Bund der deutschen katholischen Jugend (BDKJ) zwar noch seine Geschäftsstelle im Pfleghof. „Aber die Jugend ist im Haus nicht mehr so stark vertreten, weil es für sie in der Stadt inzwischen viele andere Angebote gibt. Da muss es dann nicht mehr unbedingt die Kirche sein“, meint Dekanatsrefent Oliver Schütz, der mit der Geschäftsstelle des Dekanats als Mieter im Haus ist. Getanzt wird im großen Keller, den zumeist der italienische Elternverein nutzt, aber auch heute noch, etwa wenn die kroatische Gemeinde einen Tanz einstudiert. „Das Parkett im Kaiserzimmer würde das nicht so gut vertragen“, ist Francesco Virga überzeugt. Das Zimmer, dessen Erker mit seinem spätgotischen Netzgewölbe Kunsthistoriker und Besucher gleichermaßen fasziniert, trägt seinen Namen übrigens nicht nur einfach so. Als Kaiser Karl V. 1548 in die Freie Reichsstadt reiste, logierte er im Salemer Pfleghof - und das nicht nur, weil der die beste Unterkunft war. „Salem war das Lieblingskloster der Staufer“, weiß Oliver Schütz. Der promovierte Theologe und Historiker hat für das Buch „Zwischen Himmel und Erde“ intensiv die Geschichte des Pfleghofs erforscht.
Blick auf den Geiselbach
Wer dem Hausverwalter noch tiefer in den Untergrund folgt, kann durch eine gläserne Luke einen Blick auf den verdolten Geiselbach werfen. „Im Zuge der Renovierung hatte man hier eine Wärmepumpe installiert, um die Abwärme aus dem Bach zum Heizen des Hauses zu verwenden“, verrät Francesco Virga. „Aber die Technik hat nicht lange funktioniert“ - was wesentlich leichter zu verschmerzen ist, als die Wunden, die der radikale Umbau gerissen hat. Zwischen 1979 und 1982 wurde eines der ältesten noch bestehenden Gebäude der Stadt komplett seines hölzernen Innenlebens beraubt. Die Decken wurden eingerissen und mehrere hundert Jahre alte Balken zu Kleinholz gemacht, so dass am Ende nur noch die steinerne Hülle übrigblieb. Die Denkmalschützer interessierten sich offensichtlich nicht für das Objekt. So bekam der Pfleghof, dessen obere Stockwerke man ursprünglich durch einen zum Hof gelegenen, hölzernen Laubengang erreichte, nicht nur ein üppig dimensioniertes Treppenhaus. Wände aus Sichtbeton durchziehen seit der Renovierung das Haus. „Das würde man heute sicher nicht mehr so machen“, ist Oliver Schütz überzeugt. Auch der jetzige Paulussaal wurde völlig entkernt. „Der Saal ist für Veranstaltungen sehr beliebt“, erzählt Francesco Virga. Dafür sorge die gute Akustik, das Richtung Innenhof angebaute Glasfoyer und die „vollausgestattete, nach gewerblichen Maßstäben eingerichtete Küche“. So wird der Saal nicht nur für kirchliche Veranstaltungen genutzt, sondern auch extern vermietet. „Denn die Unterhaltskosten des Hauses sind immens“, weiß der Hausmeister. „Und die muss man irgendwie decken.“
Da die Haustechnik inzwischen mehr als 25 Jahre auf dem Buckel hat, „müssen wir jetzt kräftig investieren“, berichtet Elisabeth Zittel, die im Ausschuss des Salemer Pfleghofs aktiv ist. Das nächste Projekt ist eine neue Beleuchtung im Paulussaal. Denn dessen Lampen treiben den Gästen regelmäßig Schweißtropfen auf die Stirn und verschleudern jede Menge Energie. „Bei der Renovierung wurde die damals modernste Technik eingebaut, aber die ist heute natürlich überholt.“
Leben hinter dicken Mauern
Wie dick die Mauern des Pfleghofs sind, hat Francesco Virga kürzlich entdeckt, als die Stadt neue Leitungen ins Gebäude legte. „Es sind doppelte Steinmauern und die Kammer dazwischen ist mit kleinen Steinen verfüllt.“ Trotz ihrer Massivität isolieren sie aber nicht optimal gegen Kälte. So hat Oliver Schütz bei längeren Frostperioden die Erfahrung gemacht, „dass sich der Sandstein mit Kälte vollsaugt“, was man im Inneren bald deutlich spürt. Ein zu Rate gezogener Handwerker schlug dem Dekanatsreferenten vor, die schöne Sandsteinwand in seinem Büro doch einfach von innen zu isolieren. Doch Oliver Schütz winkte ab und zog lieber mit seinem Schreibtisch in eine andere Ecke des Zimmers. „Es wäre eine Sünde, wenn man dieses Ambiente zerstören würde.“
Das markante Gebäude an der Augustinerstraße, in dessen Obergeschoss seit 1999 das J.F. Schreiber-Museum sein Domizil hat, ist der einzige Esslinger Pfleghof, der in kirchlicher Hand ist und noch eine Kapelle hat. „Er ist wieder ein Ort geistlichen Lebens mit klösterlicher Besetzung“, freut sich Oliver Schütz. Denn in den historischen Gemäuern wohnen die Vinzenzschwestern sowie der kroatische Pater Ivan, der dem Orden der Franziskaner angehört.
Zwar hat auch die spätgotische Marienkapelle im Laufe der Jahrhunderte ihr Aussehen verändert. „Sie hatte einmal ein Gewölbe“, berichtet Oliver Schütz, der auch erfahren hat, „dass die Weingärtner sie im 20. Jahrhundert zeitweise als Weinlager genutzt haben.“ Heute ist die Kapelle wieder ein Ort der Ruhe und Besinnung. Dafür sorgt auch das farbige Fenster, das der Künstler Gottfried von Stockhausen 1982 gestaltet hat.
Dass die Pfleghöfe in Esslingen noch heute das Bild der Stadt prägen, ist eine Besonderheit, die ab 27. September in der Franziskanerkirche mit der Ausstellung „Zwischen Himmel und Erde - Klöster und Pfleghöfe in Esslingen“ gewürdigt wird. In einer Serie stellt die Eßlinger Zeitung Menschen vor, die heute in den Pfleghöfen leben und arbeiten - und natürlich erfahren die Leser auch etwas über die Geschichte der Häuser.
Im Rahmenprogramm zu der Ausstellung lädt das Kulturzentrum Dieselstraße am Freitag, 12. Dezember, unter der Überschrift „Celtic Pilgrim“ zu einer musikalischen Reise auf dem Jakobsweg ein.


