Ein Lesezimmer mitten in der Stadt
ESSLINGEN: Täglich öffnen rund tausend Besucher die schwere Holztür zur Stadtbücherei im Bebenhäuser Pfleghof
„Oh, ist das schön hier!“ Solche Rufe des Entzückens hören Gudrun Fuchs und ihre Kolleginnen immer wieder. „Es ist schon ein besonderes Geschenk, diese historischen Räume, die für jeden zugänglich sind, mitten in der Stadt zu haben“, sagt die Leiterin der Esslinger Stadtbücherei, während sie in den mit Rosen berankten Innenhof des Bebenhäuser Pfleghofs geht. Dort haben es sich an diesem Sommermorgen zahlreiche Esslinger bequem gemacht, um bei einer Tasse Kaffee oder einem Espresso die Zeitung zu lesen oder in einem Buch zu schmökern. Wer’s ein bisschen kühler mag, nimmt im Bücherei-Café Platz, wo Eichenbalken und massive Steinwände von der Geschichte des Hauses erzählen und dafür sorgen, dass man sich heimisch fühlt.
LesArt-Autoren sind begeistert
Auch der Kutschersaal mit den wuchtigen, hölzernen Ständern verfehlt seine Wirkung nicht. „Die Autoren, die zum Beispiel zur LesArt hierher kommen, sind von diesem Raum immer völlig fasziniert“, - mancher Gast hingegen weniger. Denn egal, wie man den Saal bestuhlt, irgend jemand sitzt immer hinter einer der Säulen. „Aber ich denke mir, das kann man angesichts dieses Ambientes in Kauf nehmen“, meint Gudrun Fuchs. Da der Pfleghof unter Denkmalschutz steht, muss das Bücherei-Team manchen Kompromiss machen. So sind bauliche Veränderungen ebenso tabu wie Nägel in den Wänden oder Reißzwecken, mit denen Infoblätter oder Wegweiser an die Säulen oder Türen gepinnt werden.
Die hölzerne Eingangstür, durch die am Tag rund 1000 kleine und große Leseratten den Bebenhäuser Pfleghof betreten, ist zwar massiv und schwer, aber auch reparaturanfällig. „Die Aufhängung ist einfach nicht dafür ausgelegt, täglich 2000 Mal geöffnet und geschlossen zu werden“, erklärt Gudrun Fuchs, die sich aber damit tröstet, „dass die elektronisch gesteuerten, modernen Türen in unseren Supermärkten schließlich auch immer mal wieder stillstehen“.
Für Verwirrung sorgt zuweilen die Kleinteiligkeit der zur Heugasse gelegenen Räume. „Wenn jemand ein bestimmtes Buch sucht, weiß er manchmal nicht, in welche Richtung er gehen soll. Denn man verliert leicht die Orientierung“, hat die Bücherei-Leiterin beobachtet, die im Bebenhäuser Pfleghof rund 143 400 Medien bereit hält.
Trotz dieser kleinen Schönheitsfehler möchte sie aber mit keinem ihrer Kollegen tauschen, die in anderen Städten in modernen Gebäuden arbeiten. „In den auf Funktion reduzierten Bibliotheken muss man stark daran arbeiten, ein entsprechendes Ambiente zu schaffen. Wir haben diesen Charme durch unser mittelalterliches Gebäude ganz automatisch.“ Und dies wird nicht nur von den erwachsenen Nutzern der städtischen Bücherei goutiert.
„Geschützter Raum“
„Es gibt Kinder, die täglich hier sind und bei uns ihre Freizeit verbringen“, erzählt Gudrun Fuchs. Vor allem im Winterhalbjahr werden die Räume im Bebenhäuser Pfleghof für viele Mädchen und Jungen, die in der Innenstadt wohnen, zum gemütlichen Lesezimmer. „Die Bücherei ist ein geschützter Raum und deshalb ist es uns sehr wichtig, ein offenes Haus zu haben.“ Manch junger Besucher kommt aber nicht zuvörderst, um sich mit Lesefutter einzudecken. Im Bebenhäuser Pfleghof kann man sich auch mit seinen Freunden treffen, um ein neues Spiel auszuprobieren oder im weltweiten Netz zu surfen.
„Für das Internet gelten bei uns allerdings strenge Regeln“, berichtet die Bücherei-Leiterin, die beobachtet, dass mancher Steppke, der eigentlich nur zum Spielen oder Surfen in die Bibliothek gekommen war, am Ende dann doch den Weg zu den Büchern findet. „Außer uns gibt es wohl keine andere Institution, in die Schüler so gerne freiwillig gehen, um etwas zu lernen.“ Nicht zuletzt deshalb sei es wichtig, dass Schüler, Auszubildende und Studenten die Bücherei kostenlos nutzen können. „Aber auch jeder Erwachsene, der sich keine eigenen Bücher leisten kann, muss die Chance haben zu lesen“, unterstreicht Gudrun Fuchs. Deshalb gibt es auch die Möglichkeit, sich von den Gebühren befreien zu lassen.
Viel Leben in der Innenstadt
Die Bücherei im Bebenhäuser Pfleghof erfüllt aber nicht nur eine wichtige soziale Aufgabe. Sie trägt auch zur Belebung der Innenstadt bei. Das wurde der Leiterin erst so richtig bewusst, nachdem der Haupteingang wegen Bauarbeiten für einige Wochen von der Heu- in die Webergasse verlegt worden war. Als die Bauarbeiter abgezogen und der Eingang gegenüber des Stadtmuseums wieder geöffnet war, „haben uns die Geschäftsleute in der Webergasse gefragt, ob wir den Zugang zur Bücherei nicht dauerhaft verlegen könnten“, erzählt Gudrun Fuchs. „Denn sie hatten deutlich gespürt, dass plötzlich viel mehr Leute in der Webergasse unterwegs waren.“
Dass die Pfleghöfe in Esslingen noch heute das Bild der Stadt prägen, ist eine Besonderheit, die ab 27. September in der Franziskanerkirche mit der Ausstellung „Zwischen Himmel und Erde - Klöster und Pfleghöfe in Esslingen“ gewürdigt wird. In einer Serie stellt die Eßlinger Zeitung Menschen vor, die heute in den Pfleghöfen leben und arbeiten - und natürlich erfahren die Leser auch etwas über die Geschichte der Häuser.
Im Rahmenprogramm zu der Ausstellung erklingen am Sonntag, 17. Januar, himmlische Töne und irdische Klänge im Bebenhäuser Pfleghof. Die Städtische Musikschule Esslingen präsentiert geistliche und weltliche Musik vom Mittelalter bis zur Moderne. Am Freitag, 29. Januar, und am Sonntag, 31. Januar, startet dann im Kutschersaal der Stadtbücherei die „Esslinger Winterreise“, bei der Schuberts berühmter Liederzyklus in vier Esslinger Pfleghöfen dargeboten wird.



Artikel kommentieren