SERIE MENSCHEN IN DEN PFLEGHöFEN
Zeugen des Reichtums der Stadt
ESSLINGEN: In der neuen EZ-Serie werden Menschen vorgestellt, die heute in den ehemaligen Wirtschaftshöfen leben und arbeiten
Die Pfleghöfe an sich sind zwar kein Esslinger Spezifikum. Auch in Tübingen, Reutlingen und anderen Städten gründeten auswärtige Klöster Niederlassungen, die ihnen als Verwaltungssitz, Lagerhaus und Kontor dienten. „Das Besondere an Esslingen ist aber, dass es so viele Pfleghöfe gibt“, erklärt Kirsten Fast. Die promovierte Kunsthistorikerin und ehemalige Leiterin der Esslinger Museen, die Ende des vergangenen Jahres in den Ruhestand ging, bereitet derzeit die Ausstellung „Zwischen Himmel und Erde - Klöster und Pfleghöfe in Esslingen“ vor, die am 27. September in der Franziskanerkirche eröffnet wird.Dass die Neckarstadt bei den Klöstern so beliebt war, liegt vor allem an einem Produkt: dem Wein. Der Anbau und Verkauf des Rebensafts hatte der Reichsstadt zu wirtschaftlicher Blüte verholfen. Das belegt nicht zuletzt der „Esslinger Eimer“, der seit 1258 nachgewiesen ist und in Württemberg sowie in Bayern als amtliches Weinmaß galt. „Von diesem Reichtum wollten natürlich auch die Klöster profitieren.“ So erwarben sie, wie etwa das Kloster Denkendorf, in der Reichsstadt Besitz. Zumeist kamen die Abteien durch Schenkungen wohlhabender Esslinger Bürger zu Häusern, Grundstücken und Weinbergen - wobei nicht nur Klöster, sondern auch das Domkapitel in Speyer sowie in Konstanz bedacht wurden. „Die Erbschaften und Schenkungen wurden gegen Gebete in den Mutterklöstern und Pfleghöfen zum Seelenheil der Stifter getätigt“, erzählt Kirsten Fast. Denn wer zu Lebzeiten sein Vermögen der Kirche vermachte, „dem verhieß sie himmlischen Lohn“, schreibt der frühere Leiter des Stadtarchivs, Walter Bernhardt, im Begleitbuch zu einer Ausstellung über die Esslinger Pfleghöfe, die das Stadtarchiv 1982 im Schwörhaus präsentierte.
Privilegien von Papst und Kaiser
Die meisten Pfleghöfe wurden zwischen 1150 und 1250 gegründet. Die Forschung im Vorfeld der Ausstellung „Zwischen Himmel und Erde“ hat ergeben, „dass keiner der Esslinger Pfleghöfe von Nonnen, sondern ausschließlich von Mönchen verwaltet wurde“, berichtet Kirsten Fast. Die durften aber nur wirtschaftliche Aufgaben in der Stadt wahrnehmen. „Für die Gottesdienste waren die Klöster und Kirchen zuständig.“ So dienten die kleinen Kapellen, die zu vielen Pfleghöfen gehörten, in erster Linie den Mönchen zum Gebet.
„Den Esslingern waren die Pfleghöfe anfänglich sehr willkommen“, weiß Kirsten Fast. Manche Mutterklöster, wie etwa das Zisterzienser-Kloster im bayerischen Fürstenfeld und die Benediktinerabtei in Kaisheim, lagen in Gegenden, in denen kaum Wein wuchs. „Sie hatten aber Korn, Gemüse und andere Nahrungsmittel im Überfluss, die in Esslingen verkauft wurden. Vor allem in Kriegszeiten war man natürlich froh, dass die Versorgung der Bevölkerung gewährleistet war.“
Dass Kaiser und Papst den Klöstern aber eine Steuer- und Abgabefreiheit verliehen hatten, trübte das gedeihliche Zusammenleben. Denn sie verstieß gegen den in der Stadt geltenden Gleichheitsgrundsatz. Da die Stadt aber kaum eine Chance hatte, gegen diese Privilegien anzukämpfen, „war man schließlich damit zufrieden, dass sich die Klöster bei der Verleihung des Bürgerrechts zur Zahlung einer jährlichen Gebühr bereitfanden, die bei Vermögenszuwachs entsprechend erhöht werden sollte“, schreibt Walter Bernhardt, der in seinem Buch auch darauf hinweist, dass „die Beziehungen der Pfleghöfe zur Stadt keineswegs nur auf Konflikte beschränkt“ blieben. Weil Esslingen, das seit 1246 im Dauerclinch mit Württemberg lag, riesige Summen für die Stadtbefestigung ausgegeben hatte und versuchte, ein möglichst großes Territorium aufzubauen, war die Stadtkasse ziemlich leer. Für repräsentative Bauten hatte die Reichsstadt kein Geld mehr. „Hier sprangen die in Esslingen ansässigen Bettelorden und auswärtigen Klöster in die Bresche. Sie und die Geschlechter haben mit ihren stattlichen Bauten für die Aufwertung des Stadtbildes gesorgt“, unterstreicht Bernhardt.
Streitigkeiten nach der Reformation
Die Reformation hatte auch Auswirkungen auf die württembergischen Klöster. „Häufig kam es in der Folge zu Streitigkeiten zwischen der evangelischen Stadt und den katholischen Pfleghöfen“, heißt es in dem von Christian Ottersbach und Claudius Ziehr herausgebenen kunsthistorischen Stadtführer. Nach der Säkularisierung, also der Auflösung der Klöster und deren Überführung in weltlichen Besitz, gingen die katholischen Pfleghöfe dann 1803 in den Besitz privater Eigentümer oder der öffentlichen Hand.
Dass die Pfleghöfe in Esslingen noch heute das Bild der Stadt prägen, ist eine Besonderheit, die ab 27. September in der Ausstellung „Zwischen Himmel und Erde - Klöster und Pfleghöfe in Esslingen“ sowie einem Buch gewürdigt wird. In einer Serie stellt die Eßlinger Zeitung Menschen vor, die heute in den Pfleghöfen leben und arbeiten - und natürlich erfahren die Leser auch etwas über die Geschichte der Häuser.



