Nur Nieten in der Lotterie des Lebens
ESSLINGEN: Benedict Wells stellt in der S’Cobar seinen Roman „Fast genial“ vor
Francis kann einem leidtun: Der spannendste Moment des Tages für den 17-Jährigen ist, wenn er Rubbellose öffnet - aber natürlich hält das Schicksal nur Nieten für ihn bereit. Francis fühlt sich als Loser, dem „Versager, Schulabbrecher und Schichtarbeiter“ auf die Stirn geschrieben steht. Sein Leben ist ein Desaster, er kriegt nichts auf die Reihe. Sein Vater unbekannt. Sein Stiefvater weggezogen. Die Mutter manisch depressiv und nach psychischen Zusammenbrüchen immer wieder in der Klinik. Anderen steht in seinem Alter die Welt offen, Francis möchte am liebsten „rausrennen aus seinem Leben“. Francis ist die Hauptfigur in „Fast genial“ (Diogenes-Verlag, 19.90 Euro), dem jüngsten Roman von Benedict Wells, den der junge Autor im Rahmen der LesART in der S’Cobar vorstellte.
Es ist eine Wendung des Schicksals, dass Francis nach einem missglückten Selbstmordversuch seiner Mutter ihr Abschiedsbrief in die Hände fällt, in dem sie ihm offenbart, dass er von einem hochbegabten Wissenschaftler abstammt. Weil sie an einem Experiment der „Samenbank der Genies“ teilgenommen hat, wurde er in der Retorte gezeugt als Abkömmling einer Geistesgröße. Gemeinsam mit seinem einzigen Freund Grover, einem Typen mit lahmer Stimme aber überragendem IQ, und Anne-May, einer flippigen jungen Frau mit Narben an Körper und Seele, macht Francis sich auf, seinen leiblichen Vater zu suchen. Das Trio, „drei Vögel, die aus dem Nest gefallen waren“, fährt los, einmal quer durch die USA von Ost nach West.
In gut ausgewählten Passagen liest Benedict Wells mit warmer Stimme und dem rollenden R des in Bayern Aufgewachsenen Komisches und Tragisches, Witziges und Melancholisches. Er treibt die Geschichte voran und die Zuhörer in die Fänge seiner Figuren. Klar will man wissen, wie diese Sache ausgeht, ob Francis sein Leben noch herumreißen kann. Das Ende des Roman hält der Autor klug unter Verschluss: „70 Prozent meiner Leser wollen mir dafür eine reinhauen, aber ich hab‘ dieses Ende mit unglaublich viel Spaß geschrieben“, verriet er dem Publikum.
Harter Weg zum Erwachsenwerden
Von einer Reportage über diese „Samenbank der Genies“, die es tatsächlich gab, ließ Benedict Wells sich zu seinem dritten Roman inspirieren, „der Rest ist fiktiv. Am schwierigsten war es, einfache klare Sätze, eine schlichte Sprache zu finden.“ Das ist dem 27-Jährigen über weite Strecken gelungen. Immer wieder schleichen sich Wendungen von poetischer Qualität hinein: „Was geschah mit all den kleinen Augenblicken?“ fragt er da, „ein paar Erdumdrehungen später“. Die stärksten Momente des Buches sind jene, in denen er seine Hauptfigur nachdenklich werden und sein Leben analysieren lässt. Auf der Suche nach dem Vater, nach sich selbst, nach Identität, auf dem Weg zum Erwachsenwerden.
Die wenigsten LesART-Besucher werden zuvor schon einmal in der S‘Cobar im alten Stahlschmelzkeller des Dick-Areals gewesen sein, wo sonst am letzten Samstag im Monat Live-Konzerte in Wohnzimmeratmosphäre veranstaltet werden. Überraschend plüschig ist die Inszenierung der Bühne im kühlen, schummrigen Keller mit Großvater-Lehnstuhl und altmodischer Stehlampe geraten. Dem Autor, zur Zeit auf ausgedehnter Lesereise durch ganz Deutschland, gefiel’s, samt der Gestaltung der Pause durch die Gastgeber Christoph Bubeck und Malte Kirchner, die mit Mikrophon und Gitarre Selbstkomponiertes zum Besten gaben: „Eine sehr schöne Location, ein sehr cooles Ambiente“, lobte Benedict Wells. Und die Geschichte um Francis, Grover und Anne-May zog das Publikum mit.



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