Physikerin mit Pistenbully-Führerschein
AICHWALD: Jessica Helmschmidt hat in der Antarktis die deutsche Forschungsstation mit aufgebaut
Der beseelte Gesichtsausdruck der jungen Frau spricht Bände. Wenn Jessica Helmschmidt ihre Fotos aus der Antarktis zeigt, scheint sie in Erinnerungen zu versinken. 14 Monate lang hat die Physikerin auf der deutschen Antarktis-Forschungsstation Neumayer III gearbeitet, und offensichtlich hat ihr das sehr gut gefallen. Im Rahmen der Aichwalder Gespräche berichtete die Reutlingerin am Donnerstagabend vom Leben und Arbeiten im ewigen Eis. Sie fesselte damit rund 90 Interessierte.
Deutschland betreibt wie viele andere Staaten in der Antarktis eine Forschungsstation. Jedes Jahr wechselt die neunköpfige Crew aus Wissenschaftlern und Technikern, die dort arbeiten. 2009/10 war die Physikerin Jessica Helmschmidt eine der neun Überwinterer, wie diese Crews genannt werden. Im Auftrag des Alfred-Wegener-Institutes war die Reutlingerin dort vor allem für die Luftchemie zuständig. „Mein Observatorium war anderthalb Kilometer von der Station entfernt. Täglich bin ich an einer Handleine entlang dorthin gelaufen, um zu messen“, erzählt sie. Gerade im antarktischen Winter, in dem ein Schneesturm drei Wochen wüten kann, sei das zwar ein harter Weg gewesen, „aber auch spannend. Wenn man die Vorsichtsmaßnahmen beachtet, funktioniert das gut.“Helmschmidt und ihre Kollegen - drei weitere Wissenschaftler, ein Arzt, ein Koch, ein Ingenieur, ein Elektriker und ein Funker - haben eine besondere Saison in der Antarktis erlebt: Da die alte Forschungsstation langsam im ewigen Eis versank, wurde eine neue Station, Neumayer III, aufgebaut. Erstmals stellte man die Container auf ausfahrbare Stelzen. So kann die Station in die Höhe gefahren werden, um den Schneefall auszugleichen. Da der pro Jahr einen Meter ausmacht, sei das notwendig, erklärt Helmschmidt, die zu den ersten Bewohnern gehörte.
Am Puls des Klimas
Die Messungen in der Antarktis dienen nicht zuletzt der Forschung über den Klimawandel, der auch Helmschmidt am Herzen liegt. Sie erklärte die natürlichen Klimaschwankungen in 600 000 Jahren, die durch Untersuchungen von Eisbohrkernen ermittelt worden sind. Im Unterschied zu diesen sich über kleine Ewigkeiten hinziehenden Veränderungen, sei der Klimawandel, der mit der Industrialisierung einhergeht, rasant. Seit 100 Jahren pustet der Mensch immer mehr CO2 in die Atmosphäre, verändert damit deren Mischverhältnis und so auch die Temperatur. Das System, Sonne - Erde - Atmosphäre sei extrem komplex. „Wenn wir da an einer Stelle eingreifen, sind die Folgen gar nicht alle abzusehen.“
Neben diesen Ausflügen in die Wissenschaft schilderte sie begeistert, wie schön die Antarktis ist, wenn man sich darauf einstellt. Auch das Leben im Team hat offenbar gut geklappt. Notfälle gab es kaum. „Nur drei Wurzelbehandlungen, die der Unfallchirurg mit Fortbildung in Zahnmedizin durchführen musste. Einer der Techniker hat assistiert.“ Derzeit teste man ein Windrad zur Energieerzeugung für die Station. Abwasser werde gereinigt, Fäkalienreste gepresst und nach Deutschland geschickt. Salat gebe es nicht zu essen. Für längere Strecken benutze man den Pistenbully. „Wir haben alle den Pistenbully-Führerschein gemacht.“ Der nächste Nachbar, die südafrikanische Forschungsstation, ist 200 Kilometer entfernt.



Artikel kommentieren