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Hebammen kämpfen um ihre Existenz

KREIS ESSLINGEN: Drei Tage lang gestreikt - Sie fordern eine angemessene Entlohnung

  Angelika Behrens gehört zu den wenigen Hebammen im Landkreis, die noch Hausgeburten anbieten.Foto: Thor
 

Angelika Behrens gehört zu den wenigen Hebammen im Landkreis, die noch Hausgeburten anbieten. Foto: Thor

 

(mt/rok) - Die Hebammen in Baden-Württemberg fühlen sich in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht. Noch bis zum 23. Dezember streiken sie. Auch im Kreis Esslingen beteiligten sich etwa 50 freiberufliche Hebammen drei Tage lang an der Aktion. Ihr Einkommen solle endlich an ihrer hohen Verantwortung und Kompetenz gemessen werden, fordern sie.

Ein zentrales Problem für die Hebammen ist die gestiegene Haftpflichtprämie, die jetzt 3800 Euro jährlich beträgt. Das bedeutet, dass die Versicherung das Honorar für gut acht Geburten schluckt. Über diese Versicherungsprämie lasse sich die Hausgeburtshilfe abschaffen, meint Christine Dreß aus Esslingen, Vorsitzende des Kreisverbandes. Sie glaubt sogar, dass dies das „politische Ziel“ ist. Dabei sei doch die Hausgeburt kostengünstiger als eine Entbindung in der Klinik. Einen knallharten Streik haben die Hebammen natürlich nicht durchgezogen. „Wir haben mit dem Streik schon unsere Mühe“, meint Dreß, „eine Frau mit einem Neugeborenen kann man nicht einfach sitzen lassen.“ Auch ihre Kurse haben die Hebammen abgehalten, denn dazu sind sie vertraglich verpflichtet. Auf den Notdienst haben sie auf dem Anrufbeantworter hingewiesen. Man habe versucht, den Dienst auf das Notwendigste einzuschränken, berichtet Dreß. Bei den Müttern seien sie auf großes Verständnis gestoßen. Dreß: „Das war wohltuend.“ Viele Mütter unterstützen den Streik, indem sie Postkarten ausfüllen, die dann an die Krankenkassen und den Gesundheitsminister Philipp Rösler geschickt werden. Auch eine entsprechende E-Petition auf der Internetseite des Bundestags wird mit über 105 000 Mitzeichnungen und insgesamt 186 356 Unterstützern als eine der bisher erfolgreichsten Online-Petitionen verzeichnet.Angelika Behrens aus Nürtingen gehört zu den wenigen Hebammen, die überhaupt noch Hausgeburten anbieten. Während des dreitägigen Streiks musste sie zu zwei Notfällen ausrücken. Im Schnitt begleitet Behrens vier bis fünf Geburten im Monat. Mehr sei gar nicht möglich, denn ihre Aufgaben reichen von Beratung und praktischer Vorbereitung zu Vorsorgeuntersuchungen, Nachbetreuung und natürlich der Geburt selbst. Diese koste die Krankenkassen (ohne Komplikationen oder Kaiserschnitt) 1272 bis 1790 Euro. Behrens und ihre Kolleginnen erhalten für eine normale Hausgeburt pauschal 548,80 Euro - egal, ob sie nur zwei oder bis zu zwanzig Stunden dauert.Viel zu wenig, sagt Behrens. Immerhin lebe sie nicht nur ständig in Rufbereitschaft, auch seien die Kosten nicht verhältnismäßig. „Selbst wenn unsere Tarife verdoppelt würden, wäre es immer noch günstiger als eine Klinikgeburt“, sagt sie. Zu der teuren Versicherung kommen Notfallmedikamente, medizinische Instrumente, Fahrten und sonstige Kosten noch obendrauf. So sehr sie ihren Beruf liebt, „die eigene Familie ernähren sollte man davon schließlich auch“, findet Behrens.

Nur noch zwei bieten Hausgeburt an

Nach der letzten Erhöhung der Haftpflichtbeiträge haben einige qualifizierte Hebammen ihren Beruf an den Nagel gehängt. Im Kreis Esslingen gibt es nur noch zwei Hebammen, die Hausgeburten anbieten.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt Hausgeburten, da sie natürlicher und stressfreier ablaufen. Dies stärke die psychische Zufriedenheit und damit die Gesundheit von Mutter und Kind. „Eine Schwangerschaft ist schließlich keine Krankheit,“ sagt Angelika Behrens. Bei Komplikationen könne man die Schwangeren immer noch ins Krankenhaus einliefern. Eine erfahrene Hebamme merke, wenn eine Geburt nicht normal verlaufe.

„Jedes deutsche Kind geht durch unsere Hände“, sagt Behrens, egal ob in einer Klinik oder daheim. Es sei „skandalös“, dass es ausgerechnet bei einem so existenziellen Beruf an Unterstützung durch die Politik mangele - und Hebammen letztendlich auf einen Besserverdiener-Mann angewiesen seien. Behrens fragt sich: „Sind starke Frauen in Deutschland etwa nicht erwünscht?“

 

Artikel vom 17.12.2010 © Eßlinger Zeitung

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