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Vom Elterngarten in die Kleinnefinger Betriebe

WERNAU: Eine ganze Kleinstadt passt ins Eisstadion - Bürgermeister Tim setzt auf innere Werte

 
 
 
Immer mal wieder geht der Alarm los. Wilde Schreie, Rauch, die ersten Journalisten mit Kamera und Mikrofonen sind noch vor der Feuerwehr da - wie im echten Leben geht es in Kleinnefingen zu, der neuen Landkreiskommune. Die ist so klein, dass sie ins Wernauer Eisstadion passt. In 38 Betrieben verdienen sich die Kleinnefinger ihre Nefis (hergeleitet von Neckar-Fils). Und sie sind fleißig: Sie lassen ihre Jobs nur kurz sausen, um zu schauen, wie die Feuerwehr den Brand löscht.

Von Regina Schultze

In der Kinderspielstadt herrscht Vollbeschäftigung, alle bekommen 10 Nefis Stundenlohn - und alle sind richtig scharf darauf, zu arbeiten. Als eine Besprechung mal etwas länger dauerte, motzte einer, er wolle jetzt zurück in seinen Betrieb, berichtet Heike Banzhaf-Frasch aus der Deizisauer Zehntscheuer lachend. Zusammen mit Holger Kaufhold, dem Leiter des Wernauer Jugendhauses Kiwi, betreut sie das Team der 65 Mitarbeiter, die sich um die 142 Kinder im Alter von 9 bis 13 Jahren kümmern. Zur Halbzeit der Spielstadt, die am Freitag endet, ist die Presse eingeladen.

Erwachsene kommen nur bis zum Elterngarten im Schlittschuhstüble. Dort ist eine Führung zu buchen und Euro sind in bunte Nefi-Scheine umzutauschen. Philip (11), Lisa („zehneinhalb“) und Tobias (11) achten streng darauf, dass alle ordentlich in den „Bus“ einsteigen, was bedeutet, sich an einem orangefarbenen Seil festzuhalten. Und los geht‘s, vorbei an der Schreinerei, die Bänke und Tische aus Holz herstellt, und der Gärtnerei, wo im Moment nur Mädchen Rosen-Gräser-Gestecke (6 Nefis) und Topfblumen verkaufen.

Gericht „mit Kopf und Verstand“

„Ich bin der Bürgermeister“, stellt sich Tim Österreich (12) vor. Am Vortag hatte er in einer Bürgerversammlung den Wahlkampf gewonnen. Er und seine vier Minister - darunter nur ein Mädchen, Leonie, die Ministerin für die Produktion - sind für die gesamte Zeit gewählt. Worauf er seinen Sieg zurückführt? „Ich habe gesagt, es geht nicht darum, ob ein Junge oder ein Mädchen Bürgermeister wird, es kommt auf das Innere an.“ Zudem versprach er, „dass alle zufrieden sind“. Das zog mehr als die Versprechen, die Preise zu senken und den Verdienst zu erhöhen. Tim wird am Nachmittag seine erwachsenen Kollegen, die Bürgermeister Armin Elbl (Wernau) und Thomas Matrohs (Deizisau) empfangen. Lisa meint auf der Weiterfahrt über Tim: „Er hat auch Buhrufe bekommen.“

Vorbei geht‘s am Waffelstand („Der ist ganz schön beliebt“) hinein ins Tanzstudio, wo zwei Mädchen mit Betreuerin Leonie Werz einen fetzigen HipHop zeigen, und weiter zum Gericht. Einem Schild zufolge wird hier „mit Kopf und Verstand“ entschieden. Immer wieder komme es zu Streitigkeiten, wer was zahlen muss, sagt eine Richterin. Häufig stehe der Bauhof vor Gericht, sagt Lisa. Dessen Leute würden Feuer legen. Auch die Feuerwehr ist oft nicht unschuldig. Doch keine Sorge: Die Nebelschwaden in Kleinnefingen erzeugt ein Rauchgenerator.

Das beste Essen des Lebens

Eingenebelt wurde auch schon die Feldküche des DRK, berichtet Küchenchef Burkhard Rieger gut gelaunt. Für 15 Nefis am Tag leistet sich die zehnköpfige ehrenamtliche Gruppe, die täglich 200 Essen zubereitet, eine Brandschutzversicherung. „Seitdem ist Ruhe.“ Die Kost ganz ohne Fertigprodukte kommt bei den Kindern an. Gestern sagte einer, das Geschnetzelte sei „das beste Essen seines Lebens gewesen“ - der Junge wollte seine Mutter zum Kochen lernen schicken.

Jeden Abend sorgt das achtköpfige Reporterteam für die Nefi-News, die zum Tagesende um 15.45 Uhr über die Leinwand auf dem Stadtplatz im Stadion flimmert. Zu dramatischer Musik dreht sich die Weltkugel und die Kinder berichten, was den Tag über los war. Ein Knüller wird ab sofort fester Bestandteil: Über „Die lyrische Minute“ lachen sich die Kinder schlapp. Markus Becker liest zu getragener Musik „Das Rote Pferd“, ein Ballermann-Lied in neuem Gewand, das inzwischen auf Youtube zu sehen ist.

„Eine gelungene Premiere“, bilanziert Holger Kaufhold bereits jetzt, nachdem die Stadt lebt und gedeiht. Nicht nur die beiden Einrichtungen des Kreisjugendrings und ihre vielen Ehrenamtlichen harmonierten bestens, auch die (echten) Verwaltungen und die Bauhöfe arbeiteten prima zusammen.

 

Artikel vom 07.09.2010 © Eßlinger Zeitung

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