Exoten im Autoland
Viele Radfahrer schätzen die entspannende Art, ins Geschäft zu kommen - ADFC: Unternehmen können Umstieg mit guter Infrastruktur fördern
Jeder Sportler weiß: Mehr Bewegung bringt Kopf und Körper auf Trab. Warum nicht schon auf dem Weg zur Arbeit damit anfangen und vom Auto auf das Fahrrad umsteigen? Wo gerade in diesen Sommertagen das Wetter dazu einlädt? Seit 2001 rufen der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) und die AOK von Anfang Juni bis Ende September zur Aktion „Mit dem Rad zur Arbeit“ auf. Eine Studie im Auftrag des niederländischen Gesundheits- und Transportministeriums besagt, dass Arbeitnehmer, die regelmäßig mit dem Rad zur Arbeit fahren, im Durchschnitt einen Tag pro Jahr weniger krank sind. Schon wegen der gesundheitsfördernden Wirkung müssten Unternehmer ein großes Interesse daran haben, dass möglichst viele Mitarbeiter aufs Rad umsteigen, sagt ADFC-Kreisvorsitzender Thomas Rumpf. Wer schon morgens seinen Kreislauf mit Pedalieren in Schwung bringt, ist bei der Arbeit nachweislich frischer, motivierter und leistungsfähiger. Beim Verband ist man überzeugt, dass der Weg zu einer fahrradfreundlicheren Stadt über die Betriebe führt. Wo es einen überdachten Parkplatz für Drahtesel gibt, lässt sich ein Mitarbeiter eher bewegen, mit dem Rad in den Dienst zu kommen. Zu einer guten Infrastruktur gehören auch Umkleide, Dusche und Trockenmöglichkeit. Die EZ bringt an dieser Stelle fünf Beispiele von Leuten, die schon lange regelmäßig mit dem Rad zu ihrem Arbeitsplatz fahren und den damit verbundenen Wohlfühleffekt bestätigen.
Der Kritische:
Thomas Rumpf aus Ostfildern ärgert sich tagtäglich über viele Hindernisse: wellige Beläge, die schnell zu Stürzen führen können, Induktionsschleifen vor Ampeln, die nicht reagieren, mangelhafte Fahrradständer, verschmutzte Wege, schlechte Ausschilderung. Dem Kreisvorsitzenden des Allgemeinen Fahrradclubs Deutschland (ADFC) fallen viele Kritikpunkte ein, wenn er den Bereich Esslingen/Ostfildern auf seine Fahrradfreundlichkeit hin bewerten soll. Aber Rumpf kritisiert nicht nur: In den vergangenen Jahren sei viel verbessert worden. Vor allem in Sachen Beschilderung. Froh ist er, dass Räder zu bestimmten Zeiten in öffentlichen Verkehrsmitteln mitgenommen werden dürfen. Aber von Gleichberechtigung im Verkehr könne noch längst nicht die Rede sein. Dass das Fahrrad für den Weg zur Arbeit eingesetzt wird, scheitere oft an den fehlenden Abstellmöglichkeiten vor den Betrieben. Rumpf selbst kann nicht klagen. Bei seinem Arbeitgeber Pilz im Esslinger Industriegebiet Neckarwiesen findet er als Radfahrer eine gute Infrastruktur vor. Einmal pro Woche fährt er frühmorgens von der Parksiedlung nach Esslingen. Für den Nachhauseweg zieht er sich Radklamotten an, denn er muss hoch auf die Filder kurbeln.
Der Allwetterradler:
„Viele Autofahrer übersehen einen gerne mal“, ist die Erfahrung von Eckhard Hochdorfer. Und das sagt nicht ein Gelegenheitsradler, sondern einer, der das Fahrrad jeden Tag benutzt, auch wenn das Wetter nicht unbedingt nach Pedalieren unter freiem Himmel ist. Für den 47-jährigen Nellinger gibt es nur drei Anlässe, sein Velo stehen zu lassen und mit dem Auto zur Arbeit zu fahren: „Wenn ich krank bin, wenn ich etwas transportieren muss oder wenn die Straßen durch Blitzeis oder mehr als 30 Zentimeter Schnee nicht passierbar sind.“ Schnee an sich, hindert Hochdorfer nicht unbedingt daran, in die Pedale zu treten. Bei Bedarf zieht er Spikes auf. Der Nellinger hat drei Räder im Einsatz: zwei Liegeräder und ein normales „Dreckrad“, wie er es nennt. Letzteres holt er bei schlechtem Wetter aus der Garage, um die knapp zehn Kilometer lange Strecke zur Uni Hohenheim zu bewältigen. Dort arbeitet der 47-jährige Diplom-Ingenieur im Rechenzentrum. Radfahren am Morgen hat für ihn den Vorteil, „dass es hilft, auf Touren zu kommen“. Wenn es geht, weicht er dem Verkehr aus. Natürlich müsse man in vielen Situationen höllisch aufpassen, sagt er. „Aber man muss sich aus Radfahrer auch bemerkbar machen.“
Die Genießerin:
„Ich genieße es, über die Felder zu fahren. Da kann man so schön seinen Gedanken nachhängen.“ Beate Rady gönnt sich dieses Vergnügen meistens drei Mal pro Woche. So oft fährt sie von der Parksiedlung zum Zollberg, wo sie als Kindergärtnerin arbeitet. Mit dem Rad sei man sowieso meist schneller als mit dem Auto, sagt die 51-Jährige. Nur wenn das Wetter ganz mies ist oder wenn sie etwas Größeres zu transportieren hat, fährt Beate Rady mit dem Auto zur Arbeit. Die ganze Familie tritt gerne in die Pedale. Auch ihr Mann nutzt das Velo regelmäßig, um zu seinem Arbeitsplatz zu kommen. Wo sie Probleme für Radfahrer sieht? „Meine Hauptstrecke ist ganz okay“, sagt die Ostfildernerin. Meist benutzt sie Radwege. Nur im Herbst ärgere sich manchmal, wenn Landwirte die Wege mit ihren Maschinen verschmutzen und danach nicht wieder sauber machen. Ihre Tochter ist deswegen schon einmal gestürzt und war „voller Matsch“. Schwierigkeiten mit Kraftfahrzeugfahrern hat Rady nicht. Mit gutem Willen und Rücksicht komme man sich nicht in die Quere. An ihrem Drahtesel wünscht sich die 51-Jährige manchmal etwas mehr Platz für Gepäck. Da bewundert sie die Chinesen. „Was die teilweise auf ihren Fahrrädern transportieren.“
Sportsmann 1:
Johannes Hopp fährt schon immer mit dem Fahrrad zur Arbeit, zumindest im Sommer jeden Tag. Er tut das, um fit zu bleiben. Zwischen 5000 und 6000 Kilometer legt der 49-Jährige im Jahr mit seinem Mountainbike zurück. „Ich mache das natürlich auch aus Umweltschutzgründen“, sagt Hopp. Er wohnt im Aichwalder Ortsteil Lobenrot. Sein tägliches Ziel ist Festo in Berkheim, wo der 49-Jährige als Produktmanager arbeitet. Die kürzteste Route über verkehrsberuhigte Straßen ist zwölf Kilometer lang. Johannes Hopp fährt aber auf dem Nachhauseweg gerne mal einen zusätzlichen Bogen rein. „Es tut mir gut, wenn ich mich abends nach der Arbeit noch etwas austoben kann“, sagt er. Sein Arbeitgeber hat eine gute Infrastruktur für Radfahrer. Vor dem Dienstantritt duschen, ist kein Problem. Was die Situation der Radfahrer generell betrifft, sieht Hopp viel Defizite: Radwege hören plötzlich auf, an vielen Stellen bilden hohe Bordsteine gefährliche Hindernisse. Ein Ärgernis ist für ihn, dass die Adenauer-Brücke in Esslingen vor kurzem für Radfahrer gesperrt wurde. „Uns Radfahrern wird oft das Leben schwer gemacht“, sagt Hopp. An vielen Stellen könne man mit geringen Mitteln merkliche Verbesserungen erreichen.
Sportsmann 2:
Wolfgang Kemmerer hat Glück: In der Landesbank in Stuttgart, wo der Maschinenbau-Ingenieur als EDV-Organisator beschäftigt ist, herrschen ideale Verhältnisse für radelnde Mitarbeiter. Er hat einen eigenen Spind, seinen Drahtesel kann er in einem eigenen Raum abstellen und duschen kann Kemmerer auch, wenn er verschwitzt in der Bank ankommt. Der 56 Jahre alte Ruiter weiß das zu schätzen: „Das ist vorbildlich gelöst.“ Ein bis zwei Mal pro Woche setzt er sich aufs sein Trekkingrad, um an seinen Schreibtisch zu gelangen. Wenn er Lust darauf hat, schnürt der Sportler seine Laufschuhe, um die zehn bis elf Kilometer lange Strecke joggend zurückzulegen. Auf dem Rad komme er oft in gefährliche Situationen, berichtet der Ruiter, vor allem, wenn der Radweg endet und er die Tour auf der Straße fortsetzen muss. „Als Fahrradfahrer wirst du oft nicht richtig ernst genommen“, lautet seine Erfahrung. Vor allem morgens, wenn es den meisten pressiert, setze man sich als Radfahrer Gefahren aus. „Ich habe schon oft Vollbremsungen hinlegen müssen“, berichtet Kemmerer. Sein Wunsch: eine durchgängige Radspur bis in die Stuttgarter City. Doch weiß er auch, dass das aufgrund der Topografie ein schwieriges Unterfangen ist.



