Lust an Rollen und Klischees
OSTFILDERN: Kulissenschieber inszenieren Goldonis venezianisches „Kaffeehaus“
Eigentlich ist das Theaterstück „Das Kaffeehaus“ von Carlo Goldoni 260 Jahre alt. In der Ostfilderner Inszenierung der Kulissenschieber wirkt aber nichts angestaubt, sondern gerade so, als könnte sich die Geschichte im heutigen Venedig exakt so abspielen. Die Schauspieler lassen unter der Leitung von Bernd Köhler einen kleinen Mikrokosmos an Charakteren, Beziehungen und Abhängigkeiten entstehen, professionell, witzig und leidenschaftlich.Die Begeisterung der Kulissenschieber fürs Theater und das Theaterspiel sind in jedem Moment der Inszenierung greifbar. In ihrem Spiel verbinden sie Generationen miteinander und jeder einzelne der Schauspieler findet seinen Platz. Der künstlerische Leiter der Gruppe ist Bernd Köhler. Er fordert und fördert die Laienschauspieler und immer wieder gelingt es ihm, sie zu Höchstleistungen zu motivieren. In dieser Inszenierung arbeitete er mit Brüchen und verweist so auf den Übergang vom reinen Volksstück zum Charakterspiel in der Entstehungszeit des Originalstückes. Da wird in kurzen Sequenzen miteinander gestritten, getanzt und geliebt, auf der Bühne und mitten unter den Zuschauern. Alles zusammen ist witzig vielschichtig und kunterbunt durcheinander. Geprägt sind jene Szenen von der reinen Lust am Spiel mit Rollen und Klischees.Die Geschichte spielt in Venedig. Treffpunkt für die Menschen in Freud und Leid ist das Kaffeehaus von Ridolfo. Die tragende Rolle des gutmütigen Kaffeehausbesitzers wurde durchweg überzeugend von Gerd Dollinger gespielt. Immer an seiner Seite ist die herrlich trotzig-lustlose Kellnerin (Natalie Flach). Dem jungen, flatterhaften Eugenio (Kerac Peschla) zerrinnt das Geld zwischen den Fingern, zumal er von dem fiesen Casinobesitzer Pandolfo (Peter Müller) gründlich ausgenommen wird. Auch die Liebe und andere Abenteuer kommen nicht zu kurz, dafür sorgen eine hochschwangere Ehefrau (Larissa Köhler) und eine begehrenswerte Tänzerin (Stefanie Bauer), eine Zigeunerin (Heide Schmidt) und ein hochstapelnder Graf (Frank Seeger). Herrlich auch die Touristenfamilie, die sich hoffnungslos in den Gassen Venedigs verirrt hat, und die Reiseleiterin, die sich verirrt und auch noch ihre Gruppe verliert. Aufgemischt wird das Ganze von der „Gemeindetrommel“ Donna Marzia, die neugierig und geschwätzig Gerüchte in die Welt setzt und so manches Missverständnis heraufbeschwört. Die Rolle scheint wie für Claudia Schilling-Dreyer zugeschnitten. Mit Enthusiasmus und ihrer erfrischenden Energie setzt sie Impulse und bereichert die Inszenierung immer wieder neu.Wortwitz und Situationskomik prägen die Geschichte, in der am Ende das Gute über das weniger Gute siegt und jene, die noch zwischen dem einen und dem anderen schwanken, alles übrigens Männer, schließlich doch den richtigen Weg finden. Das Stück war die perfekte Wahl. Die Laienschauspieler konnten ihr Können in heiterer Leichtigkeit präsentieren, ohne überfordert zu wirken. Auch Bühnenbild und Ausstattung (Mo Lange) waren phantasievoll, aber nicht überladen. Alles in allem zauberten die Kulissenschieber wieder einmal einen sehr vergnüglichen Abend.



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