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Gemeinsam einsam

WERNAU: Das Ensemble Worton bringt zu Tschechows 150. Geburtstag den Briefwechsel des Literaten mit seiner Frau auf die Bühne

  Nur zu Beginn agieren Andrea Hancke und Michael Stülpnagel gemeinsam, ansonsten getrennt an den Bühnenrändern. Das symbolisiert die Trennung der Liebenden im realen Leben. Andreas Baumann (Klavier) und Uriel Stülpnagel (Cello) spielen dazu Stücke russischer Komponisten.Foto: Nägele
 

Nur zu Beginn agieren Andrea Hancke und Michael Stülpnagel gemeinsam, ansonsten getrennt an den Bühnenrändern. Das symbolisiert die Trennung der Liebenden im realen Leben. Andreas Baumann (Klavier) und Uriel Stülpnagel (Cello) spielen dazu Stücke russischer Komponisten. Foto: Nägele

 

Von Olaf Nägele

Langeweile. Immer wieder taucht sie in den Werken von Anton Tschechow auf, fast als sei sie eine Bedrohung der Existenz seiner Figuren. Und auch im realen Leben fürchtete der russische Schriftsteller offenbar nichts mehr als die Ereignislosigkeit. „Schreiben Sie, mir ist sonst so langweilig“, fordert er seine Geliebte und spätere Ehefrau Olga Knipper in einem seiner Briefe auf. Und sie, die seine Abneigung gegen das Nichtstun kennt, kam dem Wunsch nach. Das Ensemble Worton hat sich unter diesem Titel des regen Briefverkehrs zwischen Tschechow und Knipper angenommen. Zusammen mit Fragmenten aus Tschechows Werken und Musik russischer Komponisten formte das Quartett ein musikalisch-literarisches Programm, das im Schlosskeller in Wernau aus Anlass des 150. Geburtstages des Literaten aufgeführt ­wurde. Es ist die Chronologie einer seltsamen Beziehung, die aufgrund der räumlichen Distanz zwischen den Liebenden nur selten gelebt werden konnte. Sie ist eine erfolgreiche Schauspielerin in Moskau, die sich auf ausschweifenden Gesellschaften vergnügt und ihren Künstlerstatus genießt. Er lebt wegen des milderen Klimas, das seiner fortschreitenden Tuberkuloseerkrankung Einhalt gebieten soll, in Jalta am Schwarzen Meer, kümmert sich um seinen Garten und erfreut sich an der Natur.

Postalische Beziehung

Das ungleiche Paar lernt sich bei einer Probe zu Tschechows Stück „Die Möwe“ kennen, in dem die Schauspielerin Arkadina nichts unversucht lässt, um den Schriftsteller Trigorin an sich zu binden. Aus dem Theaterstoff wird für Knipper und Tschechow Realität, die Aktrice und der Autor verlieben sich und führen fortan eine postalische Beziehung. Annäherung, Sehnsucht, Wut und Einsamkeit sprechen aus den Zeilen, die sich das Paar schickt, begleitet von dem Verlangen, sich sehen und spüren zu können. Dazu kommt es nicht allzu oft. Im wahren Leben nicht und auch nicht auf der Bühne. Nur zu Beginn, bei dem kurzen Auszug aus „Die Möwe“, agieren die Schauspieler Andrea Hancke und Michael Stülpnagel miteinander. Ansonsten bleibt die Entfernung, Hancke in der Rolle der Knipper am linken Bühnenrand, Stülpnagel als Tschechow am rechten, allgegenwärtig, ein Zusammentreffen der Figuren gibt es nicht.

Einer Interaktion bedarf es auch nicht, um die Intensität der Texte spürbar werden zu lassen. Die mit Empathie vorgetragenen Passagen lassen die Charaktere lebendig werden, erzählen ihre berührende Geschichte und geben zugleich einen intimen Einblick in das Leben der Liebenden. Die Stimmungen wechseln, mal necken sie sich, dann wieder klagen sie an, sie verzehren sich nach einander, trösten sich, wenn die Zerrissenheit zu groß wird.

Andreas Baumann am Klavier und Uriel Stülpnagel am Cello unterstreichen dieses Wechselbad der Gefühle mit großer Virtuosität. Mit Stücken der russischen Komponisten Skryapin, Rachmaninov und Schostakowitsch nehmen sie den emotionalen Leitfaden des gesprochenen Wortes auf und geben den Episoden ihren musikalisch-dramatischen Rahmen. Durchbrochen wird das ergreifende Stück nur einmal. Mit „Der Dramatiker“ bringt Michael Stülpnagel eine heitere Note ins Spiel und zeigt, dass Tschechow auch eine spitze, satirische Feder zu führen wusste. Am Ende jedoch bleibt Andrea Hancke als Olga Knipper allein zurück. Tschechow ist tot, der Monolog der Trauernden wird zur Offenbarung, dass aus zweien, die zusammen allein waren, nun eine Einsame geworden ist.

 

Artikel vom 09.03.2010 © Eßlinger Zeitung

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