Weltweit an der Spitze mit leuchtendem Garn
DENKENDORF: Christoph Riethmüller forscht am Institut für Textil- und Verfahrenstechnik mit Licht und Geweben - Textile Schneekette entwickelt
Wenn Christoph Riethmüller von seinen Forschungen berichtet, werden Zuhörer in die Zukunft katapultiert. Da spürt das Auto, wenn der Fahrer in den Sekundenschlaf zu fallen droht und der Dachhimmel verfärbt sich hellgrün, da reagiert die Wohnung beim Heimkommen auf die Stimmung und begrüßt einen mit entsprechender Beleuchtung. Und wenn man sich dem Herd nähert, leuchten textile Bedienelemente auf, mit denen man durch Berührung die Platten einschalten kann, die sich dann bei der gewünschten Temperatur von Grün auf Rot färben. Alles ist machbar. In gar nicht so ferner Zukunft.Im Lichtlabor des Instituts für Textil- und Verfahrenstechnik (ITV) in Denkendorf kann man sich einen Vorgeschmack auf kommende Zeiten holen. Da leuchten Garnfäden in Orange, Blau, Grün. „Aus ihnen kann man jede sichtbare Farbe mischen“, sagt der 40-Jährige. Die dehnbaren Fäden reagieren auf Berührung. Die Materialzusammensetzung verrät der Diplom-Ingenieur nicht. Sie haben einen Polyesteranteil, der Rest ist geheim. Neben den Einzelfäden strahlen auf einer Platte mehrere türkisfarbene Garne. „Ein Dauerversuch“, erläutert der Leiter der Denkendorfer Zukunftswerkstatt. Hier wird getestet, wie lange die Leuchtkraft hält.Weltweit werde intensiv am Thema „Leuchtgarne“ gearbeitet. Denkendorf sei vornedran: „Unsere Fasern sind deutlich heller und deutlich leistungsfähiger als in jedem anderen Land.“ Zumindest, was an Ergebnissen veröffentlicht ist. Ob militärische Forschergruppen noch mehr auf Lager haben - wer weiß? Versuchsweise haben die Denkendorfer schon das ITV-Logo gewoben - mit solch einem Shirt wären die Mitarbeiter auch in dunkler Nacht erkennbar. Allerdings ist das Ziel nicht, funkelnde Disco-Klamotten herzustellen.
Fernsehen auf der Tischdecke
Irgendwann wird aus den textilen Wunderfasern ein biegbares Display entstehen, das man unterwegs im Bus ausrollt und auf dem man im Internet arbeitet oder die Zeitung liest. „Oder es entsteht eine Tischdecke, auf der man fernsehen kann“, erläutert der Faserforscher. Der Fensterheber im Auto könnte statt des Kippschalters aus Gewebe sein. Ein Hotelzimmer würde per Knopfdruck umdekoriert vom nüchtern ausgeleuchteten Firmen-Meeting zum warm beleuchteten 90. Geburtstag von Oma Schäufele. Auf leuchtenden Leinwänden, den „magic walls“, könnten Bilder oder andere Elemente per Berührung verschoben werden. „Ich kann mir viel vorstellen“, sagt der Leiter der Technologie-Integration. Wie immer fehlt Geld. Erforscht wird, was die Industrie zahlt.
Denkbar ist ein Teppich, auf dem ein Lichtpunkt Firmenbesucher zu ihrem Gesprächspartner durchs Gebäude lotst. So entstand schon einmal in Deutschland ein Prototyp, der feststellen kann, ob jemand auf ihm läuft oder liegt. Einsetzbar als Alarmanlage gegen Einbrecher oder im Altenheim als Alarmgeber bei Stürzen. Brennt ein Großgebäude, könnte ein solcher Teppich Leben retten, meint Riethmüller. Lichtpunkte könnten den schnellsten Fluchtweg anzeigen.
Produkte intelligent zu machen, die Aufgabe hat sich die Forschungsgruppe „Hike“ gestellt. In ihr arbeiten die Denkendorfer mit Ingenieuren der Uni Stuttgart zusammen, gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG in Bonn. Hike steht für „hybride, intelligente Konstruktionselemente“. Klar, kein Dach ist intelligent. Nun könnte man es entweder mit Sensoren ausstatten, die registrieren, wenn es stürmisch oder wenn die Schneelast zu groß wird. Ein „Aktor“ könnte dann die Dachkonstruktion stabiler machen. Ein Ziel von Hike aber ist, das textile Dach so intelligent zu machen, dass Sensor und Aktor bereits integriert sind und sich das Dach bei entsprechender Witterung selbstständig verformt oder bei zu großer Last warnend in Rot aufleuchtet. Ähnlich wie bei Sonnenbrillen, die auf UV-Strahlen reagieren und sich bei Sonne verfärben.
Schwer zu kopieren
„Je intelligenter ein Konstruktionselement wird, desto einfacher wird das Gesamtprodukt“, sagt Riethmüller. Anders ausgedrückt: Je weniger Teile, desto weniger kann versagen. Der weitere Vorteil der Hightech-Produkte: Sie sind sehr schwer zu kopieren. Wer das Geheimnis entschlüsselt hat, kann das Produkt noch längst nicht herstellen.
Eine Wand mit LED-Leuchten zeigt weitere Einsatzmöglichkeiten von Licht. Einige wenige der Lämpchen können - mit dem geeigneten Gewebe davor - eine ganze Wand großflächig ausleuchten. Hoteleingang, Messestand oder Lounge sind so kostengünstig mit 3D-Effekten zu versehen. „Monitore in der Größe gibt es gar nicht oder sie wären viel zu teuer“, sagt Riethmüller.
Die flachen LED-Kacheln fabrizieren Lichtbögen und Gitterstrukturen, die wirken, als würden sie weit aus der Wand herausragen. Je nach Wunsch des Kunden können Riethmüller und seine Mitarbeiter auch Kreise oder Kreuze zaubern und Farben sind sowieso kein Problem, denn jede RGB-Leuchte, das steht für Rot, Grün, Blau, kann jede gewünschte Farbe annehmen. „Kombiniert man das mit Textilien, spart man ein paar tausend Euro an Lichttechnik.“
In einem ganz anderen Forschungsbereich hat Riethmüller die Grundlagen geliefert: Seit zwei Wintern ist seine textile Schneekette auf dem Markt. Die hat Riethmüller selbstverständlich auch im eigenen Kofferraum liegen: „Sie ist leicht, sehr viel intuitiver aufzuziehen und sie funktioniert auch bei Blitzeis.“ Das schaffe keine Schneekette.
Strumpf für Schnee und Eis
Drei Jahre Entwicklung stecken hinter dem patentierten Gleitschutz, in dem Edelstahl und Polyester für die Griffigkeit auf der Straße sorgen. Wer schon einmal eine stählerne Schneekette beim Aufziehen um die Reifenachse gewickelt - und das Auto damit komplett lahmgelegt - hat, auf den wirkt der weiße Reifenüberzug mit den blauen Querstreifen auf Anhieb sympathisch. Reinfahren, Klettverschluss zu - das klingt, als wäre es tatsächlich unfallfrei zu bewältigen.



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