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Das Glück des Lebensläufers

REICHENBACH: Dieter Baumanns Kabarettprogramm „Körner, Currywurst, Kenia“ in der Brühlhalle

  Olympiasieger Dieter Baumann zeigt die Richtung: Humorvoll, selbstironisch, nie dogmatisch, motiviert er mit schwäbischen Tugenden zum Läuferglück.Foto: Bail
 

Olympiasieger Dieter Baumann zeigt die Richtung: Humorvoll, selbstironisch, nie dogmatisch, motiviert er mit schwäbischen Tugenden zum Läuferglück. Foto: Bail

 

Von Petra Bail

Jeder macht das, was er am besten kann. Bei Dieter Baumann ist das Laufen. Seine Profikarriere hat der einstige Olympiasieger und erfolgreichste deutsche Langstreckenläufer 2003 beendet. Vorausgegangen war eine positive Dopingkontrolle 1999, die als „Zahnpasta-Affäre“ in die Geschichte des Laufsports ein­ging. In seiner zweiten Karriere spricht Baumann über das Laufen, hält Vorträge und Seminare, schreibt Bücher und Kolumnen. Unter dem Motto „Laufen, Leben, Last und ­Luscht“ stellte er in der Reichenbacher Brühlhalle sein Kabarettprogramm mit dem Titel „Körner, Currywurst, Kenia“ einem begeisterten Publikum vor. Eingeladen hatte der Ultra-Läufer Rolf Sigel.

Gegensätze motivieren

Ein gewisses Sendungsbewusstsein ist dem selbsternannten „Motivations-Guru“ nicht abzusprechen, wenn er mit Turnschuhen und Anzug im Publikum das Laufverhalten abfragt. Schnell sind zwei Kandidaten ausgemacht, gewissermaßen pro und contra, Yin und Yang - also Gegensätzliches: Rafael als Supersportler trainiert sechs bis sieben Mal die Woche, „No-Sport-Uli“ nie. Immer wieder werden die beiden bereitwilligen Mitspieler aus dem Zuschauerraum ins Rampenlicht geholt, wenn Baumann mit Witz den Sinn und die Auswirkungen des Laufens demonstriert. Für diesen Zweck bekommen die Kandidaten Pulsmessgeräte ums Handgelenk. Und siehe da, der Ruhepuls des Sportlers ist bedeutend niedriger als der des Couch-Potato.

Dieter Baumann, asketisch, drahtig und vollkommen durchtrainiert, geht mit der Euphorie des Überzeugten auf sein Publikum zu. Seine Körperhaltung, sein Ausdruck und seine Gestik sind expressiv-dynamisch, wenn er engagiert von der Bühne ins Publikum predigt. Er schildert die Memoiren seiner Läuferkarriere, die ihn in viele Länder gebracht hat, in schillernden Farben und liefert für Otto-Normal-Verbraucher die Gebrauchsanweisung nach dem Motto „Dauerlaufen leicht gemacht“. Der „Lebensläufer“, wie er sich bezeichnet, lässt seine Zuschauer aufstehen und veranstaltet ein kleines Testtraining. Danach Pulsfühlen: aha!

Ursprünglich sollte Kabarett belehren. Es diente humorvoll-ironisch der Volksverbesserung. In diesem klassischen Sinn macht Baumann 1-A-Kabarett. Mit Verweis auf Gesundheitsstudien führt er dem Publikum vor Augen, dass mehr als 50 Prozent der Bundesbürger zu dick seien. „BMI ist keine Automarke, sondern bedeutet Body-Mass-Index“ und diene zur Bewertung der Körpermasse. Ledige sind laut Studie dünner als Verheiratete, Männer leben ungesünder als Frauen, die im Schnitt sechs Jahre länger auf diesem Planeten weilen. Alkohol kann 16 Jahre der Lebenszeit kosten. So geht das munter weiter, bis er Ulis Lebenserwartung ausrechnet, der sich zu Recht fragt, ob er an diesem Abend noch nach Hause kommt.

Doch der vielseitige „Freizeitsportler“ betreibt die Motivation nicht dogmatisch, eher selbstironisch, wenn er von den Fehlleistungen seiner Aktiven-Zeit spöttelt. Den „weißen Kenianer“ nannte man ihn nach dem Olympiasieg 1992. Amüsant beschreibt er den Freundschaftslauf im Trainingslager in Kenia, wo ihm der Veranstalter den Streckenverlauf so erklärte: Folge den anderen. Er erreichte den 84. Platz, fünf Plätze hinter dem Koch.

Der Tübinger bringt viel schwäbisches Kolorit ins Spiel wie Sparsamkeit, Schaffen und eine weltoffene Geisteshaltung. „Dem Läuferglück ganz nah“ kommt er am Ende, wenn er sich der Businessklamotten entledigt und in knackiger Marathon-Montur dasteht.

 

Artikel vom 08.03.2010 © Eßlinger Zeitung

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