„Neue Väter braucht das Land“
WENDLINGEN: Stammtischrunde diskutiert über fehlendes, positives Männerbild - Wichtige Rolle in der Erziehung
Wenn Männer am Stammtisch sitzen, muss sich nicht immer alles um Fußball drehen. „Wir hatten auch mal eine Stilberatung“, bemerkt lachend ein Rechtsanwalt, der sich zwei bis drei Mal im Jahr unter einem anderen Motto im Gasthaus Krone in Wendlingen mit seinen Geschlechtsgenossen trifft. Männer fällt es Pfarrer Martin Frey zufolge nämlich leichter zu reden, wenn sie unter sich bleiben. „Die Frauen haben ja zu Haus was zu sagen“, fügt Jürgen Durner an. Scherz beiseite. Für Frey ist der Stammtisch vor allem eine andere Form der Erwachsenenbildung. So hatte bereits ein Gefängnispfarrer über den Strafvollzug und ein Psychologe über das Thema „Männer trauern anders“ referiert. Heuer stand das Treffen unter der These „Neue Väter braucht das Land“. Der Amoklauf in Winnenden und Wendlingen hatte den Pfarrer de r evangelischen Kirchengemeinde nachdenklich gestimmt. Der Vater von Tim K. hatte gemeinsam mit seinem Sohn Munition gekauft. Beim Vierfachmord in Eislingen soll der Vater laut Frey gewalttätig und dominant gewesen sein. Und in Altbach hatten Vater und Sohn mit einem Laser Flugzeuge ins Visier genommen. Also Grund zu fragen: „Was ist los mit den Vätern“? Frey zufolge fehlen positive, männliche Vorbilder. Väter seien oftmals auch nicht präsent. „Unsere Arbeitswelt verlangt von jedem, flexibel und mobil zu sein. Es bleibe daher keine Zeit mehr für die Sprösslinge. Darüber hinaus würden die Väter den Leistungsdruck am Arbeitsplatz weiter gegeben. Die Söhne müssten daher auch immer besser und schneller sein. Karl Häberle, Lehrer an der Ludwig-Uhland-Schule und Gewaltpräventionsberater, hob ebenfalls die wichtige Rolle der Väter bei der Erziehung hervor. Vom Kindergarten bis zur fünften und sechsten Klasse in der Schule würden die Söhne kaum einem männlichen Erzieher oder Pädagogen begegnen. „Grundsätzlich brauchen Jungs nicht nur den mehr verbal ausgerichteten, weiblichen, sondern auch den mehr körperorientierten, herausfordernden, männlichen Erziehungsstil“. Sebastian Osswald erzählt nun von seinem fast vierjährigen Sohn, der gerne mit ihm bubelt und ringt. Und wenn dieser ihm mal weh tue, dann sage er es auch. Ein Sozialpädagoge aus der Stammtischrunde, Vater und berufsbedingt mit verhaltensauffälligen Kindern beschäftigt, fügt an: „Jungen wollen nicht nur Grenzen erfahren, sondern auch einfach handeln und ausprobieren, statt nur darüber zu reden.“ Dass sie sich als Väter eigentlich in einer privilegierten Situation befinden, darin war sich die Diskussionsrunde einig. „Wenn man von der Arbeit kommt, ist man einfach nur platt“, diese Erfahrung hat Häberle in der Vergangenheit gemacht. Man(n) sollte laut Frey daher lernen, seinem Arbeitgeber gegenüber „Nein“ zu sagen und den Schulterschluss mit Kollegen suchen. Wichtig für die „neuen Väter“ sei jedoch nicht die Quantität, sondern die Qualität der Zeit, die sie mit ihren Söhnen verbringen.



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