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Wann kommt der Biber wieder?

KREIS ESSLINGEN: Nach 100 Jahren brütet der Uhu wieder am Albtrauf - Spritzen gefährdet Schmetterlinge

Von Roland Kurz

Als eleganter Segler und einst herrschaftlicher Jagdgehilfe ist der Wanderfalke immer im Blick des Menschen gewesen. Und dank engagierter Naturschützer zählt man am Alb­rand wieder etliche Paare. Aber wen kümmert dagegen das Bergkronewicke-Widderchen? Wer schützt die Wechselkröte? Tatsächlich halten Förster Lichtungen frei, damit das Widderchen, ein zwei Zentimeter kleiner Schmetterling, ein paar Sonnenstrahlen erwischt. Und Amphibienfreunde graben in einem Esslinger Steinbruch Laichgewässer, damit sich die hübsche Krott an ihrem letzten Standort im Landkreis vermehrt. Andere, robustere Arten erobern sich ihren Lebensraum wieder: Uhu, Biber, vielleicht auch Luchs und Wildkatze.„Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis der Biber hier auftaucht“, sagt Roland Bauer, ökologischer Berater der Kreisverwaltung. An der oberen Fils seien schon Jungtiere gesehen worden. Vor etlichen Jahren wurde der durch Jagd ausgerottete Nager an der bayerischen Donau ausgesetzt. Inzwischen hat das Pelztier alle Donauzuflüsse besiedelt und an einigen Stellen die Alb überquert. An den Neckarzuflüssen und im Schönbuch könnte er Lebensräume finden. Luchs und Wildkatze wurden hier noch nicht gesehen. Bauer vermutet aber, dass diese scheuen Katzen über die Alb ziehen.

Falke und Rabe leiden

Das Kapitel Falken ist noch nicht zu Ende geschrieben. Denn der Uhu macht ihm das Revier streitig. 100 Jahre lang war der Uhu hierzulande verschwunden. 1996 hat Dieter Schneider in einem Steinbruch wieder einen entdeckt, vermutlich kam er aus dem Donautal, wo zuvor einige ausgesetzt worden waren. Zwischen Reußenstein und Lenninger Tal brüten inzwischen sechs bis acht Paare. An der Uhu-Freud des pensionierten Bäckermeisters, der seit 35 Jahren in der AG Wanderfalkenschutz mitmacht, klebt nun das Falken-Leid. Die Rieseneule vertreibt brütende Falkenweibchen vom Gelege. Zählten die Falkenfreunde im Jahr 2005 noch zehn Paare mit 13 ausgeflogenen Jungtieren, waren es 2009 nur sechs Paare mit fünf Jungen. Vielleicht müsse der Mensch Falkenhorste mit Gittern schützen, meint Schneider.

Auch der vom Aussterben bedrohte Kolkrabe leide unter dem Uhu, erzählt Schneider. Im Vorjahr habe man nur zwei erfolgreiche Paare beobachtet. Aus einem Horst habe der Uhu die Jungen geholt, einen Brutplatz an der Teck hätten Kletterer mit Stöcken zugebaut. Scheunen nicht komplett zunageln, lautet die Bitte von Vogelschützern. Das hat den Bestand der fast ausgestorbenen Schleiereule wieder auf 30 Paare wachsen lassen. Nisthilfen auf haben die Zahl des kleinen Steinkauzes auf etwa 200 gesteigert.

Zu einer gewissen Berühmtheit hat es der Halsbandschnäpper gebracht. Sein Hauptverbreitungsgebiet liegt am Albtrauf in den Kreisen Esslingen und Göppingen, deshalb gilt hier die Vogelschutz-Richtlinie der EU. Das freut die Gemeinden weniger, weil sie um ihre Planungshoheit bangen. Doch der Kreis Esslingen trage Verantwortung für den Bestand, meint Wolfgang Lissak vom Naturschutzzentrum Schopflocher Alb. Immerhin bringt das Life-Projekt des Regierungspräsidiums bis 2013 5,2 Millionen Euro, um die Streuobstwiesen als Lebensraum für Schnäpper, Grauspecht, Wendehals oder Neuntöter zu erhalten. Life lehrt den fachgerechten Schnitt alter Bäume und die optimierte Nutzung von Grünflächen.

Bei solchen Erfolgsbilanzen würden die Arten vergessen, die schon verschwunden seien, klagt Wulf Gatter, pensionierter Förster aus Lenningen und passionierter Vogelfreund. Der Rotkopfwürger sei in ganz Deutschland ausgestorben. Vor 40 Jahren habe es in der Region Kirchheim/Weilheim etwa 50 Paare gegeben. Das letzte habe man vor vier oder fünf Jahren gesehen. Auch Schwarzstirnwürger und Raubwürger sehe man keine mehr. Vor 15 Jahren habe man im Altkreis Nürtingen auch noch ein Dutzend Wiedehopf-Paare gezählt, jetzt keine mehr. Ständig zurück gehe auch der Bestand bei Kuckuck und Pirol. Und selbst vom einst zahlreich vorkommenden Rebhuhn gebe es nur noch „winzige Restbestände“. Früher seien im Kreis Esslingen 1000 bis 2000 Paare jährlich geschossen worden. Am Flughafen sei der ganze Bestand vernichtet worden und durch den Bau der ICE-Strecke bestehe die Gefahr, dass das Rebhuhn ganz verschwinde.

Gatters Frau Dorothea hat die Käfer und Schmetterlinge im Blick. Den Bergkronewicke-Widder (Zygaene) habe sie vor 40 Jahren auf der Alb entdeckt, erzählt der Forstmann, seither machten sie Auflichtungsaktionen. Dennoch sei von drei Vorkommen nur eines übrig geblieben. Auch vom Bläuling gebe es nur noch wenige Arten, weil Landwirte oft noch die Wegränder spritzen. Wegen des Eichenprozessionsspinners werde auch im Wald wieder häufiger gespritzt, das könne sowohl den Maikäfer, der sich etwas erholt habe, gefährden und noch viel mehr den Hirschkäfer mit seiner siebenjährigen Entwicklungsphase.

„Wir tun alles, um bedrohte Arten zu fördern“, sagt dagegen Felix Reining, Leiter des Kreisforstamtes. Er weist auf das Freischlagen für die Zygaenen hin. Für den Alpenbock, einen hübschen blauen Käfer, lasse man Baumstümpfe stehen, weil er Totholz zur Eiablage brauche. 2009 habe man landesweit ein Alt- und Totholzkonzept entwickelt, betont Reining. Man schütze nicht mehr den einzelnen Spechtbaum, sondern die ganze Baumgruppe.

Nicht nur Tiere, auch Baumarten sind bedroht. Für die von einem Pilz befallene Ulme könne er nichts tun, sagt Reining. Fast verschwunden ist die Eibe, die man nur noch am Albtrauf findet. Als Bogenholz war sie begehrt, gleichzeitg unbeliebt, weil giftig für Pferde. Sie wachse „unheimlich langsam“, erzählt Reining. Eine Eibe, die Wulf Gatter vor 40 Jahren gepflanzt habe, gehe ihm nun bis zum Bauchnabel.

4000 Frösche am Straßengraben

In diesen wärmeren Märztagen sind die Amphibienfreunde gefragt. Bis zu 4000 Grasfrösche und etliche der seltenen Springfrösche, so schätzt der Nürtinger Nabu-Vorsitzende Roland Appl, werde man im Tiefenbachtal über die Straße tragen. Der Nabu kümmert sich auch um das große Naturschutzgebiet Wernauer Baggerseen. Dort gehe es darum, einen Lebensraum für eine ganze Palette von Tierarten zu sichern, weniger um eine spezielle Art, erklärt Appl. Die Zwergrohrdommel und der Neuntöter sind deshalb wieder ins Neckartal zurückgekehrt, die Schilfbrüter Braun- und Schwarzkehlchen werden weiter vermisst.

 

Artikel vom 02.03.2010 © Eßlinger Zeitung

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