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„Bitte einsteigen - die S-Bahn fährt ab!“

WERNAU: Eine Horde Zugschaffner zeigt dem Narrengericht eine abgefahrene Choreografie - und wird freigesprochen

  Diese Stadträte sind bewegungsfreudig: Im S-Bahn-Häs könnten sie jederzeit bei der Bahn einspringen. Im Vordergrund von rechts Alfred Freistädter (SSB), Michael Huber mit exzentrischem Gesichtsschmuck, Jürgen Haas (DB), Sieglinde Schönberger, Dorothee Lenarduzzi und Bürgermeister Armin Elbl.Foto: Bulgrin
 

Diese Stadträte sind bewegungsfreudig: Im S-Bahn-Häs könnten sie jederzeit bei der Bahn einspringen. Im Vordergrund von rechts Alfred Freistädter (SSB), Michael Huber mit exzentrischem Gesichtsschmuck, Jürgen Haas (DB), Sieglinde Schönberger, Dorothee Lenarduzzi und Bürgermeister Armin Elbl. Foto: Bulgrin

 

Von Regina Schultze

Dass manche Wernauer Stadträte locker in der Hüfte sind, bewiesen sie gestern Abend auf der Bühne vor dem Quadrium beim Narrengericht. Um die Narrenchefin Rita Zink und den Ankläger Till (Helmut Komorek) zu besänftigen und nicht schuldig gesprochen zu werden, tanzten sie als Zugschaffner in schmucken Uniformen den S-Bahn-Tanz und sangen im Chor: „Heute fährt die S-Bahn bis noch Kircha nom, Kircha nom, Kircha nom. Jetzt park m‘r onsre Audos on sen gar et domm, d‘S-Bah fährt doch bis noch Kircha nom.“ Für Nicht-Schwaben und Auswärtige: Kircha bedeutet Kirchheim. Das Großereignis vom Dezember 2009, die Verlängerung der S1 von Plochingen über Wernau in die Teckstadt war Hauptthema des Freitagabend-Spektakels.

Table-Dance und Nacktscanner

Kaum zu stoppen war Ober-Zugschaffner Armin Elbl, der - wenn er nicht gerade entmachtet ist - den Bürgermeister der Stadt gibt. Als einziger in Rot gewandet, durfte er vor jedem Refrain schreien: „Bitte einsteigen - die S-Bahn fährt ab!“ Darauf hatte er schließlich jahrelang gewartet. Wie gewünscht hört alles auf sein Kommando und setzt sich nach dem schrillen Ton aus der Trillerpfeife in Bewegung. Nur 3 der 22 Stadträte waren dieses Jahr nicht mit von der Partie, die Bühne wird immer voller. Und so bekam auch fast jeder sein Fett weg, mal mehr, mal weniger gereimt. Zunftmeisterin Rita Zink hatte zum Beispiel für Sabine Dack-Ommeln einen Tipp parat, die ihren Job als Vize-Bürgermeisterin abgeben musste: „So ein Pech, doch Sabine, i glaub mir hens, probier‘s beim nächsten Maientanz, doch einmal mit Table-Dance. Da käme mächtig was in Gange, die Dack-Ommeln an der Stange, megascharf und hemmungslos käm‘ sie zurück auf Elbls Schoß. Des wär doch geil, Leut stemmat ei, Hecka Heala, hoi, hoi, hoi.“ Über die Grünen-Vertreterin Dorothee Lenarduzzi wurde gelästert: „Wie Biene Maja Stund um Stund, schmiert sie dem Bürger vor der Wahl, Biohonig um den Mund. Schimpft gegen Umweltsauerei, will machen Wernau abgasfrei.“ Ebenfalls ins Visier nahmen die Narren die 37 Kameras, mit denen das Parkhaus Stadtplatz inzwischen überwacht wird. Dem Schultes unterstellten die Narren, dass er nicht nur Tag und Nacht sämtliche Parkflächen überwacht: „Sogar onser Stadtplatzklo wird enzwischa observiert und am Aschermittwoch werden Nacktscanner installiert. Alle Stadträt send begeistert, nur einer auf die Bremse trat: D‘r Huber spricht von Überwachungsstaat.“ Der überzeugte das Hohe Gericht mit seiner neuen Einsicht: „Mit 37 Kameras, des isch mir klar, suchat dia in unserm Parkhaus Deutschlands nächsta Superstar.“ Die Räte zogen sich wieder mal gut aus der Affäre: Das Narrengericht sprach alle frei, doch mussten sie „Wehla“ ans Volk verteilen, Laugengebäck in W-Form.

Hexentrank aus dampfendem Pott

Dieses Jahr war es recht einfach, ein solches „W“ zu ergattern: Bei sanften Minusgraden und leichtem Schneefall waren weniger Zuschauer zum Gerichtsabend gekommen. Mitschuld war wohl der erste Nachtumzug mit 70 Gruppen und Narrenzünften in Notzingen, der zeitgleich stattfand. So konnten die Einheimischen eine Neuerung nicht miterleben. Statt der Narrentaufe braute erstmals eine Hexe zu Beginn einen üblen Trank auf der Bühne. Ein Tässchen aus dem dampfenden Pott musste jeder Maskenträger unter grässlichem Gelächter zur Strafe leeren, der nicht zum vorgeschriebenen Häs abstauben gekommen war. Die Reaktionen fielen unterschiedlich aus. Während sich einer schüttelte und gar „Krähenfüße“ in dem Gebräu mutmaßte, erwies sich ein Schluck als sauer, aber vitaminreich: viel Zitronensaft mit Kräutern drin.

 

Artikel vom 13.02.2010 © Eßlinger Zeitung

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