Meinhard Tenné warnt vor der Intoleranz
PLOCHINGEN: Ein jüdischer Überlebender des Holocaust gibt seine Erfahrungen an Neuntklässler des Gymnasiums weiter
Meinhard Tenn é zieht seine Übersetzung aus dem Hebräischen „Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du“ der christlichen vor: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. 86 Jahre alt ist er inzwischen geworden, weil er 1938 mit seinem Vater aus Deutschland in die Schweiz flüchten konnte. Seine Mutter und seine Schwester kamen in Auschwitz um. Den 14- bis 15-jährigen Gymnasiasten, die vor dem Überlebenden des Holocaust sitzen, beantwortet er eine Frage, die niemand gestellt hat: „Von euch hat niemand schuld an der Schoa, aber ihr müsst wissen, was geschehen ist.“ Deshalb besucht Tenn é im hohen Alter noch Schulklassen wie die beiden Neuner des Plochinger Gymnasiums gestern morgen: um aus eigenem Erleben zu warnen, dass Unwissen neue Rattenfänger begünstigt, wie er sagt. „Ich habe nur ein Anliegen“, sagt Tenn é, „an euch weiterzugeben, dass ihr aufpasst.“
Die meisten der Jungen und Mädchen, die vor ihm sitzen, können sich nicht vorstellen, wie das damals war für Juden in Deutschland. Deshalb erzählt ihnen Tenné eine Geschichte: „Als ich so alt war wie ihr, kam einer meiner besten Freunde zu mir und sagte, Meini, ich darf nicht mehr mit dir spielen und nicht mehr zu euch kommen.“ Das hat den Jungen offensichtlich mehr getroffen als das, was vorher passierte: der Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933, die fortschreitende Ausgliederung jüdischer Menschen aus dem öffentlichen Leben, aus der „Volksgemeinschaft“, und die zunehmende Diskriminierung und Bedrohung durch die staatlichen Organe und die Nazis.
Am Anfang, sagt Tenné, habe man halt den Judenstern wieder vom Schaufenster gewischt und weitergemacht wie zuvor. Man richtete sich in der Ausgrenzung ein. Und ihm als 15-Jährigem „war vieles nicht bewusst“. Es gab schließlich Familienfeste, jüdische Schulen, Sportvereine und Konzerte. „Man spürte irgendwas, aber nichts genaues.“ Das rote „J“ im Reisepass von jüdischen Deutschen kam erst im Oktober 1938, der Judenstern war in Deutschland erst ab September 1941 auf der Kleidung vorgeschrieben. Da waren Meinhard Tenné und sein Vater längst in der Schweiz, denn am Tag vor der Reichskristallnacht am 9./10. November 1938, waren sie gewarnt worden, Vater und Sohn würden von der SA abgeholt. „Der SA-Offizier kam wirklich und suchte den ‚Saujuden‘ und zerstörte die ganze Wohnung.“ Mutter und Schwester zogen zu den Großeltern, wurden 1940 zunächst ins KZ Bergen-Belsen und später nach Auschwitz gebracht. 100 Verwandte und Freunde habe die Familie verloren, erzählt der 86-Jährige, den immer noch die verzweifelte Frage umtreibt: „Warum ich?“ Über den Tod von Mutter und Schwester weiß er nichts, ihr Grab kennt er nicht. „Damit muss ich leben. Ich bin natürlich sehr dankbar, dass ich lebe, aber die Umstände lassen mich nicht froh sein.“
Tenné hat in einem der beiden Judendörfer der Schweiz diese schlimme Zeit überlebt. 1948 geht er nach Israel, wird zunächst Offizier, dann Tourismusmanager und kommt als solcher über Zürich und Frankfurt nach Stuttgart. 1990 wird er Sprecher der israelitischen Gemeinschaft in Württemberg und kämpft für den Dialog zwischen den Religionen, für den er im Kloster Denkendorf den Verein Haus Abraham mitbegründet, den Trialog zwischen Juden, Christen und Muslimen. 2002 erklärt er vor dem Weltreligionstag: „Nur gemeinsam können wir der Gewalt die Stirn bieten.“ Das ist sein Anliegen, das ihn auch vor den Schülern sagen lässt: „Ich will warnen. Vielleicht hilft es.“



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