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Industriegeschichte mit dunklen Seiten

NüRTINGEN: 1872 beginnt die Entwicklung der Alten Seegrasspinnerei - Petra Garski-Hoffmann beleuchtet Historie und Gegenwart

  Die Historikerin Petra Garski-Hoffmann (links) stellt mit Julia Rieger das Buch über das ehemalige Fabrikgebäude vor.Foto: NZ
 

Die Historikerin Petra Garski-Hoffmann (links) stellt mit Julia Rieger das Buch über das ehemalige Fabrikgebäude vor. Foto: NZ

 

Die alte Seegrasspinnerei in Nürtingen hat einen interessanten Weg hinter sich. Petra Garski-Hoffmann hat ihn in dem Buch „Die Geschichte der Alten Seegrasspinnerei“ nachgezeichnet. Heute ist das historische Gebäude ein soziokulturelles Zentrum. Seit 1991 beherbergt sie zudem den Trägerverein Freies Kinderhaus.

Von Myriam Schäfer

Die Geschichte des Gebäudes begann im Jahre 1872 mit der Gründung des Unternehmens durch Carl Gustav Schmid. Das älteste der drei Häuser, die gemeinsam das Ensemble der Seegrasspinnerei bilden, beherbergt heute unter anderem die Kulturkantine. Nach und nach baute Schmid die Gebäude für seine Rosshaar- und Seegrasspinnerei mit Möbelfabrik.Zur Geschichte des Begründers bleiben Fragen offen, es entwickelten sich Widersprüche. Die Recherche sei ihr manchmal ein bisschen wie ein Krimi vorgekommen, berichtet die Historikerin und Autorin des Buches, Petra Garski-Hoffmann. Wichtig sei es ihr gewesen, das Buch transparent zu gestalten. „Ich möchte den Leser mit auf die Spurensuche nehmen“, erklärt sie. Als es dem Schmid‘schen Unternehmen immer schlechter ging, übernahm die Schreinerei Alex Linder das Firmengelände. Die Zeit der Büromöbelfabrik begann. Gegen Ende der nationalsozialistischen Diktatur arbeiteten auch einige Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter in der Nürtinger Fabrik.Vielen ist die Firma, vor allem mit ihrem späteren Sitz in Frickenhausen noch ein Begriff. So haben zur Entstehung des Buches auch Zeitzeugen beigetragen. „Verschiedene Menschen haben immer wieder Anekdoten von damals erzählt“, so die Geschäftsführerin der Alten Seegrasspinnerei, Julia Rieger. Nicht immer einfach sei es allerdings gewesen, die Berichte der Zeitzeugen mit der Archiv-Arbeit zu vereinigen. Doch sind sie wichtig und lockern die Geschichte auf.Durch die Renovierung der denkmalgeschützten Seegrasspinnerei entstanden Fragen über die Vergangenheit der drei Gebäude. Mit der intensiven Recherche für das Buch begann die Historikerin Garski-Hoffmann allerdings erst 2006. Julia Rieger hat das Buch auch mit einigen Beiträgen bereichert. „Für uns ist das ein Beitrag zur Identität“, erklärt sie die Bedeutung der Vergangenheit für das heutige Kulturzentrum in der Plochinger Straße. „Das Buch gibt einen Blick auf die Stadtgeschichte frei“, so der Verleger des Buches, Peter Sindlinger. Die alte Seegrasspinnerei habe die Industrie- und Sozialgeschichte der Stadt Nürtingen geprägt.

Schicksale von Zwangsarbeitern

Mit dem Firmengelände lasse sich viel verbinden. Die Nürtinger Arbeiterbewegung, Wirtschaftskrisen und Zwangsarbeiterschicksale gehören zur Geschichte der Alten Seegrasspinnerei. „Das Gelände hat die Stadt geprägt, auch was die dunklen Seiten angeht“, so Pit Lohse, Geschäftsführer der Alten Seegrasspinnerei. Kulturarbeit brauche keinen neuen Ort, sondern einen, der Geschichten zu erzählen hat.

Das Buch zeigt Bilder und Pläne der vergangenen Zeit, lässt so die Vergangenheit noch intensiver aufleben. Die Autorin möchte damit viele Leser erreichen und einen Einblick in die Vergangenheit, aber auch in die Gegenwart und die Zukunft der Gebäude ermöglichen.

Für 14 Euro ist „Die Geschichte der Alten Seegrasspinnerei“ im Buchhandel zu haben.

 

Artikel vom 21.12.2009 © Eßlinger Zeitung

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