Um der Kinder willen
KREIS ESSLINGEN: Verein Väteraufbruch setzt sich für das Sorge- und Umgangsrecht beider Eltern ein - Verhärtete Fronten entspannen
„Eine Scheidung beendet zwar die Partnerschaft, aber Eltern bleibt man ein Leben lang.“ Diesen Satz liest man auf der Internetseite der Kreisgruppe Esslingen des Vereins Väteraufbruch für Kinder (VafK). Die Mitglieder des Vereins stehen dafür ein, dass Kinder nach einer Trennung Kontakt zu beiden Elternteilen halten können und dürfen. Wie schwierig das ist, haben Matthias Mack und Sprecherin Tracey Kronewitter vielfach erlebt.
In der Regel verliert jedes zweite Kind nach der Trennung der Eltern binnen eines Jahres den Kontakt zu dem Elternteil, bei dem es nicht lebt. Meist ist das der Vater, doch immer häufiger ist es auch die Mutter. So sind jedenfalls die Zahlen und Erfahrungen, die die Vertreter von „Väteraufbruch“ haben. Damit es soweit nicht kommt, lautet das Motto des Vereins: „Allen Kindern beide Eltern.“Dass das nicht einfach ist, wissen Mack und Kronewitter. „Man muss Realist sein“, sagt Mack. Im schlimmsten Fall verliere man im Scheidungskrieg alles: Job, Haus, Kinder. „Und das polizeiliche Führungszeugnis ist plötzlich voller Einträge, weil man anonyme Anzeigen bekommt“, erzählt Kronewitter. Das seien keine Einzelfälle, bekräftigt Mack, der mittlerweile schon hunderte Fälle erlebt und auch dokumentiert hat. Meist seien die von einer Trennung betroffenen Männer völlig allein, weil sich nach Misshandlungs- oder gar Missbrauchsvorwürfen Familie und Freunde distanzierten. Die Männer hängen in der Luft. „Wir wollen sie ankern“, sagt Kronewitter. Denn wie Mack erzählt, fühlen sich manche Betroffene regelrecht gejagt. „Dabei geht doch der Schutz der Kinder vor.“ Kronewitter bestätigt: „Immer wird auf die Paarebene geschaut. Die Elternebene wird völlig ausgeblendet.“ Der Kreisgruppensprecherin geht es wie Mack vor allem darum, die Elternebene zu betonen. „Auch wenn man sich als Paar nicht mehr versteht, hat man immer noch gemeinsame Kinder, für die beide Elternteile wichtig sind.“Der Verein Väteraufbruch macht vor allem den Behörden und Institutionen den Vorwurf, dies nicht genug zu berücksichtigen. Dabei gibt es in Deutschland das Recht auf ein geteiltes Sorgerecht, wenn auch erst seit 1998. Mack hat außerdem erlebt, dass die Chance, die Kinder zugesprochen zu bekommen, geringer wird, umso emotionaler ein Vater an die Sache rangeht. „Wenn man Wut und Enttäuschung zeigt, sind Jugendamt, Gutachter und Richter kaum davon zu überzeugen, dass dem Kind der Umgang mit diesem ,aggressiven‘ Menschen zugemutet werden kann.“ Dem VafK gelinge es oft, verhärtete Fronten wieder etwas zu entspannen. „Wir wissen mittlerweile, wie es funktioniert“, sagen Mack und Kronewitter.
Im Idealfall wird alles geteilt
Mack berichtet von einem Fall, in dem „das System bedient wurde“. Der betroffene Vater habe letztlich getan und gesagt, was die Behörden von ihm sehen und hören wollten, nicht was er für richtig empfunden habe. „Am Ende kam unser Ideal heraus“, sagt Mack. Das Sorgerecht wird geteilt, das Kind lebt im Wechsel je zur Hälfte bei Vater und Mutter, ohne den Wohnort oder die Schule wechseln zu müssen. Außerdem habe der Vater, der sich schon vorher darum gekümmert hatte, weiterhin die Hoheit über Schule beziehungsweise Kindergarten. „Das wurde mit den Kindern alles besprochen, es gab keinen Loyalitätskonflikt und keine Verlierer“, erzählen die Vertreter. „Die Gewinner sind die Kinder.“
Allerdings sei natürlich kein Fall wie der andere. „Es gibt eine hohe Individualität“, sagt Mack. Besonders über Gespräche will der VafK versuchen, konstruktive Verbesserungen zu erreichen. Ohne Gutachter, die „oft Negatives und immense Kosten mit sich bringen“. Dennoch wollen die Vertreter des „Väteraufbruchs“ nicht sämtliche Institutionen verteufeln. Sie wissen, dass Gerichte heillos überlastet sind. „Und die Jugendämter haben oft gute Leute“, bekräftigt Kronewitter. Anwälte wollen sie aber mehr in die Pflicht nehmen, um „Schlammschlachten zu vermeiden“. Aus Sicht der Initiative ist das sogenannte Cochemer Modell deshalb ideal.
Cochemer Modell
Die als Cochemer Modell bezeichnete Arbeitspraxis ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit der Personen und Institutionen, die am familiengerichtlichen Verfahren beteiligt sind. Im Interesse der Kinder sollen die Eltern trotz Trennung wieder miteinander sprechen, statt zu streiten. Die Bindung des Kindes zu beiden Eltern soll zugelassen werden. Dieses vernetzte Modell wurde im Moselort Cochem 1992 initiiert und umgesetzt, inzwischen genießt es bundesweit Anerkennung. Ziel ist es, die Sichtweise des Kindes ins Zentrum zu stellen. Streitende Eltern sollen befähigt werden, ihre alleinige und untrennbare elterliche Verantwortung weiter wahrzunehmen, statt diese den begleitenden Professionen zu überlassen. Eltern sollen wenigstens grundlegende Anliegen des Kindes miteinander besprechen.
Väteraufbruch
Väteraufbruch wurde 1989 als gemeinnütziger Verein gegründet und zählt mittlerweile 3000 Mitglieder. Die Kreisgruppe Esslingen-Reutlingen besteht seit 2003 und wird derzeit aufgrund ihrer Größe geteilt. In der Kreisgruppe Esslingen werden dann etwa 30 Mitglieder beteiligt sein. Weil immer mehr Frauen Interesse an der Initiative finden, gibt es Überlegungen, den Verein eines Tages in „Elternaufbruch“ umzubenennen. Ursprünglich war der VafK mit Aktionen wie Demos oder Sitzstreiks provokativ ausgelegt. „Jetzt geht es eher um Strukturen und Netzwerke“, sagen Matthias Mack und Tracey Kronewitter, die immer wieder versuchen, von der Stadt Esslingen einen Raum für ihre Treffen zu bekommen. „Manche Dinge sind so heikel, die will man nicht öffentlich im Restaurant besprechen.“ Für die Zukunft wünschen sie sich, behandelt zu werden wie Frauennetzwerke.
Treffen: Jeden zweiten Dienstag im Monat um 19.30 Uhr im „Brauhaus Waldhorn“ in Plochingen.
kontakt@vafk-es.de



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