Asterix auf dem Schurwald
BALTMANNSWEILER: Empörte Bürger und Bürgermeister König verhindern das Aufstellen eines Mobilfunksenders
Das hätte sich O2-Chef Rene Schuster nicht träumen lassen: dass ein kleines schwäbisches Dorf den Mobilfunk-Giganten besiegen könnte. Nun, Sieg ist vielleicht zu hoch gegriffen, aber die Gegner einer Mobilfunkantenne im Wohnbereich der Zinkstraße in Baltmannsweiler haben gestern zumindest einen Etappensieg errungen, wie ihre Vorsitzende Claire Herrmann anschließend erklärt. Was war geschehen?Seit fünf Jahren kämpft Baltmannsweiler, ein Dorf mit gerade mal 3500 Einwohnern, gegen eine weitere Mobilfunkantenne auf der Markung. Das ist Gemeinderatsbeschluss. Fünf Jahre wurde über einen Standort im Außenbereich verhandelt. Doch dann mauerte O2 plötzlich und wollte den Sender auf ein Technikgebäude der Telekom in der Zinkstraße 41 stellen. Die Gemeinde kann dagegen wenig tun: Die Anlage ist genehmigungsfrei, nur anzeigepflichtig. In der Nacht zum Freitag wird dann im Gebäude gearbeitet. Auf Nachfrage hieß es erst, man tausche nur ein Schloss aus, dann, die Batterien müssten gewechselt werden, berichtet eine Nachbarin. „Wie die uns ausgetrixt haben. . .“, empört sie sich im Nachhinein. Denn wenige Stunden später rangierte gestern gegen 14.30 Uhr ein Laster mit Mobilfunkmast auf der Ladefläche vor die Nummer 41. Und jetzt beginnt eine Geschichte, die stark an den Kampf eines kleinen gallischen Dorfes gegen Rom erinnert: Bis zu 100 Menschen rotten sich zeitweise um den Lastwagen zusammen. Transparente sind auch schnell organisiert: „Jeder hat das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Auch wir“. Einer denkt weiter und greift zum Hinkelstein: Er organisiert einen Gabelstapler und blockiert damit das Abladen der Antenne von der Ladefläche. Das stoppt O2 erst mal. Die Polizei rückt an und muss eine Anzeige gegen Unbekannt wegen Nötigung aufnehmen. Die sechs Beamten sollen dafür sorgen, dass die Nötigung endet. Peter Schubert, Revierleiter aus Esslingen, ist dabei. Auch Bürgermeister Martin König ist jetzt aktiviert - ein Glück, denn am Nachmittag ist das Rathaus nicht besetzt. Er verhandelt mit dem Chef des Aufstellungstrupps. Derweil schlagen unter den Leuten die Wogen hoch. Gemeinderat Carlo Schlienz ist darunter und sagt aufgebracht: „Wir wollten verhandeln. Da kann man doch die Antenne nicht in einer Nacht-und-Nebel-Aktion einfach aufstellen wollen.“ Die Verhandlungsbereitschaft der Gemeinde sei von O2 nicht wahrgenommen worden. Empörung überall: „Die haben uns angelogen nach Strich und Faden.“
Der Trick mit dem Polizeirecht
Polizeioberrat Schubert versucht, die erregten Menschen zum Umdenken zu bewegen. Ihr Tun erfülle den strafrechtlichen Tatbestand der Nötigung. Schadenersatz drohe auch. Man könne den Mast doch erst mal ablegen, O2 habe für Dienstag ein Gespräch mit der Gemeinde zugesagt. Doch O2 will man nicht mehr vertrauen: „Wir können das nicht erlauben.“ Nur wenn der Mast auf dem Bauhof sicher verwahrt werde, gebe man nach. König verhandelt wieder abseits der Menge. Allerdings muss auch er wie weiland Miraculix zaubern. König weiß, dass er mit dem Baurecht nichts erreichen kann und greift zum Polizeirecht: Als oberster Ortspolizist verfügt er, weil die öffentliche Ordnung gefährdet sei, dürfe nicht abgeladen werden. Der Laster müsse wegfahren. Mit Erfolg. Der Lkw kurvt um 16.30 Uhr mit Mast aus dem Hof des Gebäudes. Rundum klatschen die Leute begeistert. Zwei Jugendliche bringen es auf den Punkt: „Irgendwie hab‘ ich das Gefühl, dass wir gesiegt haben“, sagt der eine. „Nicht gesiegt, aber erst mal gewonnen“, erwidert der andere realistisch.
Heute um 14 Uhr ist in der Zinkstraße 41 eine Demonstration geplant.



