Raus aus der Bank und rein ins Leben
PLOCHINGEN: Volksbank ermutigt ihre Azubis zu Praktika im Pflegeheim und Kindergarten
Der eine füttert MS-Kranke im Pflegeheim, der andere hat im Kindergarten gleich drei Fans am Bein - Auszubildende der Volksbank Plochingen holen sich soziale Kompetenz nicht am Bankschalter, sondern dort, wo Menschen praktische Hilfe brauchen. Eine Woche lang stellt sie ihr Arbeitgeber frei, damit sie nicht nur Bankgeschäfte lernen.
Emanuel Friehs lernt Bankkaufmann. Aber in dieser Woche schiebt er Rollstühle, führt Löffel mit Essen zum Mund, zündet Zigaretten an und liest aus Zeitungen vor. All das können die meisten MS-Kranken im Johanniterstift Plochingen nicht mehr selbst. „Emanuel“ hilft gerne. Der Name steht vorne in großen blauen Buchstaben auf seinem weißen T-Shirt, so nennen ihn auch alle in der MS-Wohngruppe, obwohl Friehs schon 19 Jahre alt ist.
Hilfe ist nötig
Nach drei Tagen im Johanniterstift weiß der Bank-Azubi schon, worauf es ankommt beim Helfen. Das war am ersten Tag anders: Fülle ich zu viel auf den Löffel? Führe ich ihn zu tief in den Mund? Drücke ich beim Abwischen zu stark? Das waren die Fragen, die ihn bewegten, nicht die Verrichtungen selbst. „Ich habe keine Hemmung, auch wenn ich Speichel abwischen muss.“ Von 14 Bewohnern der Wohngruppe können nur zwei noch selbstständig essen, die übrigen brauchen Hilfe.
Aber ihm ist es unangenehm, wenn er etwas schlecht versteht und häufiger nachfragen muss. Denn Emanuel Friehs weiß: „Der Kopf ist völlig klar. Die Leute kriegen alles mit, aber sie können körperlich nicht mehr reagieren. Das ist schon eine krasse Diagnose. Die Krankheit hat die Leute mitten aus dem Leben gezogen. Aber das kann jedem passieren.“ Das war auch der Hauptgrund, weshalb er nicht den Kindergarten, die Jugendfarm oder die Demenzgruppe wählte für sein Sozialpraktikum: Er wollte etwas von den Menschen erfahren.
Birgit Blacha, der er beim Aufstehen zum Gehwagen hilft, fragt er gleich: „Ist das in Ordnung so?“ „Du musst das da hinten halten, damit ich net davon rutsch“, sagt Blacha. Auch mit Gabi Brzosko versteht er sich. Die MS-Kranke lässt sich in die Raucherecke schieben. Emanuel holt die Zigarette aus der Packung, führt sie in die Zigarettenspitze und zur verkrampften Hand, bis Brzosko sie sicher gefasst hat, und zündet sie an. Helfende Hände sind hier gefragt. Ansonsten hat die 50-Jährige ihr Raucherleben mit Hilfe von Emanuel fest im Griff.
Bankdirektorin Sandra Achilles hat sich solche Erfahrungen von den freiwilligen Sozialpraktika versprochen, die sie ihren 21 Azubis anbot. „Die Bank ist sehr kopflastig. Unsere Azubis sollten mal eine andere Perspektive erhalten. Wir wollen damit soziale Kompetenz fördern, Impulse geben und Einfühlungsvermögen wecken.“ 8 von 21 nahmen das Angebot an, eine Woche lang dafür freigestellt zu werden. Die ersten Rückmeldungen seien positiv, berichtet Achilles. „Einer kam wie umgewandelt. Der kam so aufgeschlossen und voller Elan zurück. Er hat sich persönlich sehr gut weiterentwickelt.“ Einen Azubi hat sie im Kindergarten in Wernau besucht. Er kam sehr gut dort an, drei Kinder hingen an ihm dran. Sie wartet jetzt noch die Reaktionen der anderen Lehrlinge ab, „aber ich kann mir vorstellen, dass wir das wiederholen“. Tobias Lechner, dem Hausdirektor des Johanniterstifts, sind sie willkommen: „Das ist eine Bereicherung für alle Seiten.“



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