LöSUNGSANSäTZE
Biker stören die Waldesruh '
ESSLINGEN: Illegale Mountainbike-Trails im Stadtwald machen Förstern, Naturschützern und Jägern Sorgen
Ein Netz illegaler Mountainbike-Trails durchzieht den Esslinger Stadtwald. „Häufig nutzen die Biker dafür die Wanderwege des Schwäbischen Albvereins. Dort bauen sie massive Schanzen oder Steilwandkurven ein“, sagt Förster Jens Denzinger, stellvertretender Revierleiter der Stadt Esslingen. Begegnen sich Wanderer und Biker auf den schmalen Pfaden, gibt es kaum Ausweichmöglichkeiten. „Wir kriegen häufig Beschwerden von Leuten, die von Beinahe-Unfällen berichten. Das große Problem ist, dass die Biker sich fast lautlos mit großer Geschwindigkeit nähern“, sagt Denzinger. Kürzlich sei ein Biker am Kirschenbuckel auf eine Gruppe von Kindern zugerast, die gerade noch zur Seite springen konnten. Für ältere Menschen seien die Wanderwege oft kaum noch begehbar, weil sie durch die Radfahrer so rutschig und steil geworden sind.
Rechtlich ist der Fall klar: Laut Landeswaldgesetz ist Fahrradfahren auf Waldwegen, die schmaler als zwei Meter sind, nicht erlaubt. „Wir können dafür sogar ein Bußgeld von bis zu 35 Euro auferlegen“, erklärt Denzinger.
Eine der beliebtesten Strecken verläuft vom Jägerhaus hinunter ins Stettener Bachtal und wieder hinauf nach Lobenrot. Im Internet kursiert die Strecke unter der Bezeichnung „Nordschleife“, auf Youtube steht sogar ein Video, auf dem ein Biker dort über Schanzen und Wurzeln springt.
User „Sven“ schwärmt am 2. Juli auf einer Internetseite: „Anlieger, Doubles, Kicker und kleine Tables, alles vorhanden, was das Herz begehrt, und das in einem Zustand, wo sich manche Trails in Bikeparks ne große Scheibe abschneiden können.“ Und ironisch fügt er hinzu: „Natürlich muss auf der gesamten Strecke das Bike geschoben oder getragen werden - ist ja alles schmaler als zwei Meter.“
Denzinger erzählt, dass sich Biker im Stettener Bachtal bei Stürzen immer wieder schwer verletzt haben. Bei den Bikern handle es sich in der Regel nicht um Jugendliche, sondern vornehmlich um Männer zwischen 30 und 50 oder älter. „Vor 10 oder 15 Jahren war das noch kein Thema“, sagt der Förster, doch inzwischen gebe es kaum noch einen Distrikt im Stadtwald, den die Biker nicht für sich entdeckt hätten.
Für gefährdete Tierarten bedeute das eine zusätzliche Bedrohung: Im Stettener Bachtal soll die Gelbbauchunke wieder angesiedelt werden. „Wenn die Biker dort Trails schaffen, werden die auch von Fußgängern genutzt. Das stört die Tiere immens“, sagt Denzinger.
Wildschweine weichen auf Felder aus
Auch Rehe und Wildschweine leiden unter den Bikern: „Das Wild kennt die Waldwege, auf denen oft Menschen unterwegs sind. Da hebt ein Reh manchmal nicht mal das Haupt. Aber es reagiert sehr sensibel, wenn sich Menschen außerhalb der Wege bewegen“, erklärt Landesjägermeister Dieter Deuschle, der ein Revier am Jägerhaus gepachtet hat. Das gilt übrigens auch für Pilzsucher.
Rehe ließen dann oft ihre - häufig hungrigen - Kitze zurück, bevor sie sich nach Stunden wieder zu der Stelle trauten. Das Wild ziehe sich auf eine immer kleinere Fläche zurück, wo es nicht gestört werde. „Dort ist der Verbiss dann sehr hoch“, erklärt Denzinger. Gerade im Schonwald, wo die Förster darauf setzen, dass auch seltene Baumarten natürlich nachwachsen, gehe die Artenvielfalt spürbar zurück.
„Die Wildschweine weichen oft in die Maisfelder aus. Da können sie drei Monate ungestört liegen“, sagt Deuschle - ein Alptraum für jeden Landwirt. Auch für die Jäger sind die Tiere damit außer Reichweite. An der „Nordschleife“ sei ein Hochsitz drei Mal zerstört worden. „Ich habe den Verdacht, dass die Biker sich von dort zu sehr beobachtet gefühlt haben“, sagt Deuschle. Wie die Jäger sind auch die Biker oft in der Nacht unterwegs, sie leuchten ihren Weg mit Stirnlampen aus.
Im Winter - denn auch da sind hartgesottene Biker unterwegs - komme ein weiterer Faktor hinzu: „Ein Reh, das im Versteck liegt, kommt mit halbiertem Herzschlag und zehn Prozent seines üblichen Energieverbrauchs aus.“ Wenn das Tier gestört wird und in Panik davonrennt, steigt sein Energieverbrauch immens.
Auch die Kinder des städtischen Waldkindergartens am Jägerhaus haben ihre Erfahrungen mit den Bikern: „Wir hatten einen kleinen Trampelpfad zu unserem Waldsofa“, erzählt die Leiterin Petra Fricke. Eines Tages sei der Weg einen Meter breit ausgeschnitten gewesen, ein Trail führte plötzlich mitten durchs Waldsofa.
Jens Denzinger und seine Kollegen bauen die Trails ständig zurück. „Das kostet uns - und damit die Allgemeinheit - jedes Jahr Tausende.“ Meist dauere es nicht lange, bis die Trails an derselben oder an anderer Stelle wieder neu entstünden. Im Internet schreibt User „Sven“ zur „Nordschleife“: „An dieser Stelle mal wieder allergrößten Respekt an die Jungs, die das alles so gut in Schuss halten und unermüdlich gegen die Zerstörung der Trails durch Wanderer und Waldhüter kämpfen.“
Einfach lassen kann der Förster die Schanzen nicht, denn als Eigentümerin ist die Stadt verkehrssicherungspflichtig. Doch Denzinger will die Biker nicht an den Pranger stellen oder den Wald mit Verbotsschildern und Sperren zupflastern - zumal die erfahrungsgemäß innerhalb weniger Tage verschwinden. Er sucht das Gespräch. Das ist aber gar nicht so einfach. „Als wir einige Zeit mit den Reitern Probleme hatten, konnten wir uns einfach an die Reitvereine und Hofbesitzer wenden“, sagt Deuschle. „Aber bei den Bikern gibt es keinen Ansprechpartner, sie sind ja nicht organisiert.“
LösungsAnsätze
Bikepark in Berkheim: Förster Denzinger glaubt, dass der neue Bikepark, den der TSV Berkheim im September eröffnen will, das Problem zumindest teilweise lösen kann. Auch der Initiator des Bikeparks, Jens Christi, sagt: „Bei einigen Jungs bin ich mir sicher, dass sie den Park als willkommene Alternative sehen - allein schon, weil sie ihn nicht wie die Trails im Wald ständig wieder aufbauen müssen“. Für die Downhillfahrer, die schnell mit Sprüngen und Kurven den Berg runterfahren wollen, sowie die Free- und Crosscountrybiker könne ein Bikepark aber vermutlich keine echte Alternative bieten.
Legalisierung wilder Trails: Jens Christi vom TSV Berkheim ist der Überzeugung, dass nur die Legalisierung einer Strecke im Wald echte Abhilfe schaffen kann. In Kernen im Remstal ist man diesen Weg gegangen. Und auch der Stuttgarter Gemeinderat hat 115 000 Euro für die Errichtung einer Downhillstrecke von Degerloch nach Stuttgart-Süd bereitgestellt. Geplant ist jetzt - nachdem sich eine Reihe rechtlicher und sicherheitstechnischer Probleme aufgetan hat - die Strecke Mitte 2013 zu eröffnen. „Wenn wir in Esslingen eine solche Strecke legalisieren wollten, bräuchten wir einen Gemeinderatsbeschluss“, sagt Jens Denzinger. Vor allem im Naturschutzgebiet hält er eine solche Legalisierung aber für höchst problematisch. Zudem sei der Eigentümer, also die Stadt, verkehrssicherungspflichtig, müsste die Strecke also ständig auf Gefahren hin kontrollieren.



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