Die merkwürdige Entschuldigung des Detlef S.
ESSLINGEN/STUTTGART: Angeklagter im Parkplatzmord-Prozess ergreift das Wort - Staatsanwalt: Der 57-Jährige soll nie wieder freikommen
19 Verhandlungstage lang hat der frühpensionierte Postbeamte Detlef S. aus Esslingen beharrlich geschwiegen. Meist reglos, die Augen zur Wand gerichtet, während auf dem Stuhl ein, zwei Meter vor ihm unzählige Zeugen und Gutachter die oft quälenden Details der Morde an Heiko S. (30) in Magstadt und Friedrich L. (70) im hessischen Mörfelden-Walldorf hervorzerrten. Detlef S. soll die Männer 2010 auf Parkplätzen erschossen haben. Beide Orte sind als Treffpunkte für anonyme Sexkontakte unter Schwulen bekannt.
Gestern hat Detlef S. sein Schweigen vor dem Stuttgarter Landgericht gebrochen. Der 57-Jährige suchte immer wieder mit den Augen das Publikum ab. Am Ende hielt er eine kurze Rede. War sie ein Schuldeingeständnis, ein Plädoyer für Toleranz gegenüber Schwulen oder doch eher eine Rechtfertigung für seinen Taten? Das weiß nur Detlef S. Doch dazu später.
Oberstaatsanwalt Albrecht Braun forderte gestern eine lebenslange Freiheitsstrafe für Detlef S., er erkennt zudem eine besondere Schwere der Schuld, was bedeutet, dass eine vorzeitige Haftentlassung des 57-Jährige ausgeschlossen wäre. Außerdem beantragte er eine anschließende Sicherungsverwahrung.
Dass Detlef S., der mit seiner homosexuellen Neigung nicht klarkommt, aus Rache für seine HIV-Infektion Schwule getötet hat, glaubt Braun nicht mehr. „Er hat aus Mordlust getötet, aus Freude an der Vernichtung eines Menschen, als Zeitvertreib.“ Mordlust ist ein höchst seltenes Mordmotiv, doch für den Staatsanwalt deutet bei Detlef S. alles darauf hin. Die Beweislage hält Braun für eindeutig: DNA-Spuren an den Tatorten, Geschosse, die aus der Waffe des 57-Jährigen stammen, Zeugen, die Detlef S. beschrieben haben. „Heimtückisch, tabulos, schrankenlos“ habe er den beiden Männern, die er nie zuvor gesehen hatte, kaltblütig von hinten in den Kopf geschossen.
Für Braun spricht alles dafür, dass Detlef S. ein Serienmörder ist, den nur seine Verhaftung gestoppt hat. Wie aber passt jener Nachmittag im Juni 2010 in diese Mordlust-Serie, als Detlef S. stundenlang rauchend auf einem Mäuerchen auf dem Freudenstädter Marktplatz gehockt haben soll, um dann zu einem belgischen Touristen ins Auto zu steigen und ihn mit einem Messer zu bedrohen?
„Wir kennen nur die halbe Wahrheit“
„Er hat mehr Risiko gesucht, weil er den Kick steigern wollte“, glaubt Braun. Detlef S.' Anwalt Peter Mende argumentiert dagegen: „Da war die Entdeckung doch vorprogrammiert. In so große Gefahr hätte er sich doch nicht aus reiner Mordlust begeben.“ Was sein Mandant stattdessen von dem Belgier, der sich erfolgreich zur Wehr setzte, gewollt haben könnte und warum ein Zeuge ihn mit einer Tasche voller Geld fliehen sah - das kann auch Mende nicht erklären. „Ich glaube, wir kennen nur die halbe Wahrheit. Da steckt eine völlig andere Geschichte dahinter, die wir wahrscheinlich nie erfahren werden.“ Wegen solcher offenen Fragen beantragte Mende bei der Kammer, weder die Schwere der Schuld festzustellen noch eine Sicherheitsverwahrung zu beschließen.
Die Frankfurter Anwältin, die die Tochter des ermordeten Friedrich L. vertritt, griff den Angeklagten an: „Meiner Mandantin geht es vor allem darum, verstehen zu wollen, warum ihr Vater sterben musste. Wenigstens darauf hätten Sie eine Antwort geben können. Sie haben doch Ihr ganzes Leben lang Gott und die Welt beschissen.“ Und: „Ihr Verhalten im Prozess war gleichgültig, teilnahmslos, gefühllos - außer bei Ihrer Liebschaft. Ihr Dasein entbehrt jeglicher Menschlichkeit.“ Detlef S. beugte sich vor, blickte der jungen Anwältin unverwandt in die Augen, ohne ein Blinzeln. Nur einmal hob er die Brauen, als wolle er sagen: „Was wissen Sie schon?“
Der Anwalt, der die Mutter und die kleine Tochter des ermordeten Heiko S. als Nebenkläger vertritt, hielt sein Plädoyer kurz. Er sprach vom Leid, das Detlef S. hinterlassen habe: „Die Oma hat erzählt, wie die Dreijährige versucht hat, auf einen Baum zu klettern. Sie sagte, ich will den Papa aus dem Himmel holen.“
Das letzte Wort gehörte Detlef S. Er sprach direkt zu den Zuschauern, zu den Journalisten, den Neugierigen und vielleicht dem einen oder anderen, der die Opfer gekannt hat: „Wenn jemand im Saal sein sollte, heute oder an den vergangenen Verhandlungstagen, der annimmt, ich sei der Grund für seinen Kummer, sein Leid oder seine Nöte, würde mir das sehr leid tun und ich bitte um Vergebung.“ Und noch etwas: „Wenn Menschen ihre Neigung verleugnen und sie in obskuren Subkulturen ausleben müssen - und das im 21. Jahrhundert - , dann sind nicht die Schwulen und Lesben pervers, sondern die Umwelt, in der sie leben müssen.“
Das Urteil wird am Mittwoch, 1. Februar, verkündet.



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