„Der eine schluckt’s runter, beim anderen bricht’s auf“
NüRTINGEN: Polizeihauptkommissar Josef Werner Krejci hat elf Jahre lang seinen Kollegen als Konfliktberater geholfen
Stress, Konflikte, Traumata waren sein Gebiet: Elf Jahre lang hat Josef Werner Krejci als Konfliktberater der Polizei gearbeitet, hat mit Kollegen, die ihr Beruf belastet hat, Gespräche geführt. Die wenigsten von ihnen wurden zusammengeschlagen, angeschossen oder mit Messern attackiert. Doch Schläge, Tritte, Beschimpfungen gehören zum Job dazu. Wobei die Leute immer aggressiver werden, sagt der Polizeihauptkommissar, der nach 43 Dienstjahren vor vier Wochen in Rente gegangen ist. „Früher war Ruhe, wenn der Schutzmann gekommen ist.“
„Da g’wöhnsch dich dran“
Wegen Beleidigungen oder blauer Flecken kommt keiner der Polizisten zum Konfliktberater. Die meisten kommen auch mit dem dauernden Anblick von Toten und Verletzten klar. Doch dann könne es passieren, dass ein erfahrener Kollege plötzlich ein bedrückendes Bild nicht mehr aus dem Kopf bekommt. „Die einzelne Leiche hat nichts ausgemacht, aber irgendwann wird es zu viel“, sagt Krejci. Beim einen kommt der Anblick eines verstümmelten Unfallopfers hoch, beim anderen das Bild eines Suizidfalls, der dritte bekommt den Geruch von verbranntem Fleisch nicht mehr aus der Nase, die wimmernden Kinder im Unfallauto. Manchmal stellt sich die Reaktion sofort ein, manchmal Tage nach dem Ereignis, manchmal erst nach Wochen. Die Erkenntnis, dass Polizisten auch Menschen sind, Menschen mit Gefühlen, musste sich erst langsam durchsetzen. Als der gebürtige Esslinger 1967 zur Polizei kam, wurden Berufsanfänger in schwierigen Situationen eher rustikal abgefertigt: „Da g'wöhnsch dich dran, das gehört dazu, da musch durch“, hieß es in den Zeiten von Befehl und Gehorsam. „Das hat sich gewaltig gewandelt.“ Heute dürfe man Schwäche zeigen, keiner werde als „Weichei“ tituliert, weil er zum Konfliktberater geht, therapeutische Hilfe in Anspruch nimmt, die Notfallnachsorge oder einen Seelsorger als Ansprechpartner wählt. „Es wird gewünscht, dass man sich helfen lässt.“ Wobei wohl auch nicht jeder offenlegt, dass er therapeutische Hilfe in Anspruch nimmt.
Gefühl der Hilflosigkeit
Bei aller Belastung: Krejci kennt nur eine einzige Kollegin, die ihren Beruf an den Nagel gehängt hat - und selbst die ist nach einer fünfjährigen Pause und einer pflegerischen Ausbildung zurückgekehrt und arbeitet wieder bei der Polizei. Da hatte ein Mann seinen Suizid so inszeniert, dass beim Eintreten Spots angingen, die auf den Erhängten gerichtet waren. Nicht nur der Anblick traumatisierte die Kollegin, sondern auch, dass der Mann die gleichen Vorhänge und die gleiche Beleuchtung wie sie selbst hatte. Andere Kollegen kamen zum Konfliktberater, weil sie über Funk mithörten, wie ihre Kollegen attackiert wurden, sie aber nichts für sie tun konnten. „Das gibt ein Gefühl der Hilflosigkeit.“ Mit dem müsse man erst einmal fertig werden. „Der eine schluckt's runter, beim anderen bricht's auf“, weiß der Experte, wobei er über jeden froh ist, der zu reden beginnt.
„Schießen macht jeden fertig“
Wie viel einer aushält, ist ebenfalls unterschiedlich. Ein Kollege erlebte in kurzer Zeit Drastisches: Zuerst stellte er einen Einbrecher, der sich vor seinen Augen erschoss, dann überfuhr ihn versehentlich ein Motorradfahrer und bescherte ihm mehrere Brüche und dann ging noch ein psychischer Kranker mit einer Axt auf ihn los und ließ sich auch von zwei Schüssen in den Fuß nicht stoppen - erst ein Schuss in die Kniescheibe hielt den Mann auf. „Wenn Sie auf jemanden schießen müssen, ist jeder fertig“, sagt Krejci. Das sei im Kreisgebiet aber glücklicherweise „die absolute Ausnahme“. Auf welche Weise jemand die Schrecken verarbeitet, ist natürlich auch unterschiedlich, sagt der ehemalige stellvertretende Leiter des Polizeireviers Nürtingen. Manche seien zunächst zu einem Therapeuten gegangen, kamen dann aber doch zu ihm: Der Therapeut habe die Polizeiarbeit nicht verstanden, dass man nicht einfach wegbleiben könne. Funktionieren müsse man schon im Job, sagt Josef Werner Krejci: „Man darf zittern, wenn etwas passiert ist, aber man muss während der Aktion funktionieren.“
30 bis 50 Polizisten im Jahr hat der 60-Jährige meist beraten, zur Hälfte Männer, zur Hälfte Frauen. Nach dem Amoklauf von Winnenden und Wendlingen waren er und sein Kollege verstärkt gefragt, führten teils mehr als ein Jahr lang Gespräche mit den Kollegen. Seine Zeit konnte sich Krejci in den letzten zwei Jahre gut einteilen, da er als Bezirkspersonalrat freigestellt war. In Wendlingen war er vor Ort, um zu beobachten: „Wer verrutscht mir? Wen schicke ich heim?“ Schon immer ging er auf Kollegen zu, die bei schlimmen Fällen im Einsatz waren und bot ihnen ein Gespräch an.
Auf drei erhöht
War die Führungsebene in den Anfangsjahren skeptisch - schließlich hatte das Land 1998 diktiert, dass Konfliktberater einzusetzen seien - „sind die Dienststellenleiter heute froh, wenn wir kommen“. Dass sie nötig sind, weiß man: Als er jetzt in Rente ging, wurde die Zahl auf drei erhöht.



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