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Keine Schmerzen, aber „Angst ohne Ende“

KREIS ESSLINGEN: Manche Polizeibeamte plagen Alpträume nach körperlichen Attacken - Lob für die gute psychologische Versorgung

 
 
 

Von Regina Schultze

Sie waren beide auf dem Boot. Nennen wir sie Georg Müller und Thomas Maier. „Alle in einem Boot“ heißt ein therapeutisches Projekt der Polizeiseelsorge von Baden-Württemberg. Bei einem einwöchigen Segeltörn auf der Ostsee können traumatisierte Polizeibeamte über ihre Erlebnisse sprechen. Müller und Maier arbeiten im Bereich der Polizeidirektion Esslingen. Beide sind Polizeihauptmeister, beide haben Belastendes erlebt.Georg Müller wurde bei einem Einsatz von zwei Jugendlichen brutal zusammengeschlagen. Die Faustschläge und Tritte der Angreifer knallten „in Kickbox-Manier“ gezielt auf Kopf und Oberkörper des Brillenträgers. „Oh je, jetzt ist's vorbei“, dachte der damals 43-Jährige. Schmerzen spürte er nicht. „Aber Angst ohne Ende“ habe er gehabt, seine Gedanken gingen zu seiner Frau und seinen drei kleinen Kindern. Als er blutüberströmt zu Boden ging „hat der eine mich weiterbearbeitet, der andere nahm sich meine Kollegin vor.“ Die habe „gekämpft wie ein Löwe“. Und sie konnte vor der Attacke noch Hilfe anfordern.

Zum Straßenkampf ausgeartet

Der Funkspruch war vermutlich lebensrettend. Denn die Jugendlichen - Brüder, wie sich später herausstellte - bekamen plötzlich noch Hilfe von ihrer Mutter, die den Lärm von der Wohnung aus gehört hatte und auf die Straße kam. Die zierliche, kleine Frau krallte sich dermaßen in der Polizeibeamtin fest, in ihrer Brust, an der Krawatte, dass selbst vier gestandene Polizisten, die wenig später zu Hilfe kamen, Schwierigkeiten hatten, ihre Kollegin zu befreien. Zuvor waren noch andere Anwohner aus ihren Wohnungen gekommen - sie halfen den Polizisten. „Es war ein richtiger Straßenkampf. Das hätte ich mir nie, nie vorstellen können“, sagt der 54-Jährige. Er klingt heute noch leicht verdutzt.

Der Papa mit blauem Kopf

Dabei ereignete sich die Tat 1999. „Am 1. August, 23.34 Uhr“, sagt Müller wie aus der Pistole geschossen. Der Tag, der bis heute sein Leben beeinflusst. Der Tag, der ihm einen vierwöchigen Krankenhausaufenthalt bescherte, etliche Prellungen und Blutergüsse. Zwei Fotos zeigen ein Gesicht wie aus einem Horrorfilm mit nur einem offenen Auge. Erst dominiert die Farbe Rot, zwei Wochen später dann Blauschwarz. „Der Papa hat ‘nen blauen Kopf“, meinte seine damals Fünfjährige unerschrocken. Lange Zeit hatte Müller Einschlafprobleme. Nachts plagten ihn Alpträume. Dann war seine Frau für ihn da, beruhigte ihn. „Meine Familie war sehr wichtig für mich“, sagt der gelernte Bauzeichner. Lange dachte er daran, den Beruf zu wechseln. Im Krankenhaus traf er seine lädierte Kollegin. Auch sie beschloss, den Dienst nicht zu quittieren. Gemeinsam wollten sie ihren ersten Dienst antreten, im gleichen Team, im gleichen Streifenwagen. „Wir wollten zusammen die Angst abbauen.“ Etliche Kollegen kamen zu Krankenbesuchen, und zwar aus dem ganzen Landkreis. Manche brauchten einen zweiten Anlauf, kamen mit Tränen in den Augen. Der Dienstgruppenleiter holte Psychologen und Seelsorger zu Gesprächen für die gesamte Schicht. „Wir sind sehr gut betreut worden“, sagt Müller. Wichtig für ihn war, dass man die Täter festgenommen hatte. Das Strafmaß - vier und viereinhalb Jahre für die Brüder, zweieinhalb Jahre für die Mutter - war für ihn zweitrangig. „Ich bin gerne Polizist, nach wie vor“, sagt er heute. Vergessen wird er den Tag niemals. Er lehrt ihn eines: „Man darf nie in Routine verfallen.“ Jede Kontrolle kann von einer Sekunde zur anderen brandgefährlich werden. Für ihn war „das Boot“ sehr wichtig. Bei allen Teilnehmern wurde der Schrecken wieder gegenwärtig. Aber jeder konnte seine Geschichte erzählen. Da kam es zu Zusammenbrüchen, zu Heulkrämpfen. Das war wohltuend. „Da muss man keine Stärke zeigen.“

2010 wird das Projekt „Alle in einem Boot“ gleich zwei Mal angeboten. Der Bedarf ist so hoch, weil viele Beamte bei der Amoktat in Winnenden und Wendlingen am 11. März 2009 im Einsatz waren. 15 Menschen hat der 17-jährige Tim K. erschossen, 2 davon in dem Wendlinger Autohaus Hahn, bevor er sich selbst tötete. Thomas Maier war in Wendlingen, um den Amokläufer zu suchen. Als Schüsse zu hören und Rauchwolken zu sehen waren, fuhr er mit zwei Kollegen in diese Richtung. Plötzlich ein Schuss, ein Schlag, „und die Autoscheibe kam rein“.

Schuss ins Auto

Maier saß auf der Rückbank. Beide Kollegen auf den vorderen Sitzen wurden von dem einen Schuss von Tim K. verletzt. Die Polizistin auf dem Beifahrersitz ist noch heute dienstunfähig. Ein gezielter Schuss des geübten Schützen auf den Fahrer? Oder Zufall, dass die Kugel nicht die Rückbank traf? Der 49-Jährige schnappte sich seine Maschinenpistole und pirschte vorwärts. Einen „Tunnelblick“ habe er gehabt, wohl vom Adrenalin. „Der muss direkt vor mir sein.“ An die Gefahr dachte er nicht. Als er Tim K. sah, lag dieser tot auf dem Boden. Die Bilder von dem Tag im März hat er in einem Ordner auf seinem Computer. „Gegessen ist das noch lang nicht für mich“, sagt er. Er weiß: Wäre die Kugel nur ein paar Zentimeter weiter hinten gelandet, hätte es ihn erwischt.

Er sagt: „Rein statistisch werde ich nie erschossen.“ Denn sein Nachbar in der kleinen Kreisgemeinde, ein Polizeibeamter, wurde 1977 bei der Entführung von Hanns Martin Schleyer, erschossen. Also kann ihm nichts passieren. In Wendlingen hat sich seine persönliche Statistik als richtig erwiesen. Er hat Glück gehabt. Das weiß er. Zwei bis drei Monate danach lebte er im Hochgefühl. Sein Lebensziel „Sparen“ ist nicht mehr alles. Jetzt gilt eher: „Gönn' Dir was.“ Nach dem Amoklauf versah er ganz normal seinen restlichen Dienst, erledigte die angesetzten Verhöre. Nur abends, als er nach Hause kam, da nahm er seine Frau und seine 21-jährige Tochter in den Arm. Zu dritt standen sie da, eng umschlungen. „Das war ein unbeschreibliches Gefühl.“

„Tim wird mich begleiten“

Auf dem Boot fühlte er sich schlecht, weil andere so viel schlimmer dran waren. Kollegen waren beschossen worden, erzählten mit Tränen in den Augen. Manche, die von sich dachten, sie seien stark wie ein Baum, brachen zusammen. Andere, die im Berufsleben schon viele Tote gesehen hatten, brachen beim Anblick der vielen toten Schüler zusammen. Einer, der vom Tatort weit entfernt eine Kreuzung sicherte, versteckte sich vor Angst. Bei Thomas Maier waren in den Tagen nach dem Amoklauf alle Erlebnisse weg, nicht mehr vorhanden. Erst als er wie geplant in den Urlaub ging, kamen die Bilder hoch. Immer wieder lief der Film ab. „Das ist wie ein zweiter Geburtstag für mich“, sagt er heute über den Tag im März. Aber auch: „Tim wird mich mein Leben begleiten.“

 

Artikel vom 09.09.2010 © Eßlinger Zeitung

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