„Das war für uns ein Jahrhundertereignis“
OSTFILDERN: 240 Millionen Mark teurer Anschluss an das Schienennetz der Region war die Basis für den Erfolg des Scharnhauser Parks
„Die Stadt hat ihr Gesicht verändert. Sie ist eine moderne Stadt geworden mit der Stadtbahn“ - was der frühere OB Herbert Rösch vor genau zehn Jahren formulierte, lässt sich heute uneingeschränkt bestätigen. Der 9.9.2000, als der Anschluss an das regionale Schienennetz gefeiert wurde, war für Ostfildern ein Jahrhundertereignis. Im Nachhinein betrachtet, war es das entscheidende Kapitel in der Erfolgsgeschichte des Scharnhauser Parks.
Rösch erinnert sich gerne an diesen Festtag: „Es gab vorher und nachher eine Schlechtwetterperiode.“ Aber am 9. September selbst habe, wie bestellt, die Sonne gelacht. „Es war ein glücklicher Tag.“ Das dokumentieren auch die Bilder aus dem EZ-Archiv. Rösch strahlte mit dem damaligen Ministerpräsidenten Erwin Teufel um die Wette, als sie die neue Strecke in Betrieb nahmen. An allen sieben neuen Haltestellen auf der 6,3 Kilometer langen Strecke zwischen Heumaden und Nellingen herrschte Volksfeststimmung. Und der Chor der Gymnasien drückte mit einem Lied aus seinem Musical „Linie 1“ aus, was die Menschen an diesem Tag fühlten: „U 7, wir werden dich lieben.“ Mehr als 20 000 Menschen nutzten an diesem Samstag die Chance zu einer kostenlosen Fahrt auf der neuen Strecke. Am darauffolgenden Tag sollen es noch weit mehr gewesen sein. Für Ostfildern gab es an diesem Wochenende einen zweiten Grund, groß zu feiern: Die Stadt wurde 25 Jahre alt.
Ein uralter Traum
Die Idee, die östliche Filder an das Schienennetz der Region anzubinden, ist uralt. Ende der 20er-Jahre war die Verlängerung der Straßenbahn bis nach Ruit bereits genehmigt. „Das stand damals schon im Gesetzesblatt“, berichtet Alt-OB Rösch. Doch aus den Plänen wurde bekanntlich nichts. Sechs Jahrzehnte gingen ins Land, bis sich für Ostfildern eine einmalige Chance bot, den alten Traum zu verwirklichen. Ausgelöst durch den Fall des Eisernen Vorhangs zwischen Ost und West, begannen die Amerikaner Anfang der 90er-Jahre mit dem Abzug ihrer Truppen aus Deutschland. Am 9. November 1992 wurde in den Nellingen Barracks die amerikanische Flagge eingeholt und die Bundesflagge gehisst. Dieser symbolische Akt machte den Weg frei für die neue Mitte Ostfilderns. Die Stadt erwarb vom Bund zwei Drittel der ehemaligen Militärfläche und entwickelte darauf zusammen mit ihrem Partner, der Hofkammer des Hauses Württemberg, der ein Drittel des Grundes hörte, einen neuen Stadtteil.
„Mit dem Scharnhauser Park kam die erste realistische Chance für den Bau der Stadtbahn“, sagt Rösch rückblickend. Mit der Aussicht, dass auf dem früheren Militärgelände etwa 9000 Menschen ein neues Zuhause finden und damit potenzielle Bahnnutzer werden, fiel die Kosten-Nutzen-Analyse endlich positiv aus. Eine „standardisierte Bewertung“ errechnete 1993 bei aufgesiedeltem Scharnhauser Park volkswirtschaftlich schwarze Zahlen für das Projekt. Ostfilderns Gemeinderat stellte bereits 1992 klar, dass die Verlängerung der Stadtbahn bis Nellingen die Voraussetzung für die Aufsiedlung des Kasernengeländes sein würde, um den zusätzlichen Verkehr aufzufangen. Rösch sagte es damals ganz unmissverständlich: „Wir werden den Scharnhauser Park nicht bauen, wenn die Stadtbahn nicht kommt.“ Weil sie sich an so eine Mammutaufgabe heranwagten, seien die Ostfilderner „lange belächelt worden“, sagt Rösch.
Unterm Strich kostete der Stadtbahn-Anschluss damals 240 Millionen Mark. 60 Prozent davon übernahm der Bund, 25 Prozent das Land. Rösch ist dankbar, dass der Landkreis 21 Millionen Mark übernommen hat. Inklusive der Planungskosten von mehr als 10 Millionen Mark habe die Stadt 36 Millionen Mark aufbringen müssen. „Das war eine gigantische Herausforderung“, sagt der Ex-OB. Zumal Ostfildern zu der Zeit drei Großprojekte gleichzeitig zu stemmen hatte: außer der Stadtbahn den Scharnhauser Park selbst mit 290 Millionen Mark und im Jahr 2002 die Landesgartenschau mit 40 Millionen Mark.
Langer Streit um Betriebskosten
Er blicke darauf heute „mit großer Genugtuung“ zurück, sagt Rösch und betont: „Das war eine riesige Gemeinschaftsleistung von unendlich vielen Menschen.“ Der frühere OB freut sich darüber, dass sich die Stadtbahn zehn Jahre nach ihrem Start auch finanziell rechnet.
Um die Frage der Betriebskosten hatten die Stadt und die Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) jahrelang heftig gestritten. Im Kern ging es um die Frage, wie viele zusätzliche Fahrgäste der Scharnhauser Park gebracht hat. Die SSB pochte auf Nachzahlungen in Millionenhöhe. Im Herbst vergangenen Jahres einigte man sich auf einen Grundlagenvertrag, mit dem nun auch die Stadt leben kann.
So lange es die Stadtbahn in Ostfildern gibt, hält sich die Klage, man habe die Filderkommune von Esslingen abgekoppelt und ganz Richtung Stuttgart orientiert. Rösch bestreitet dies. Man habe das gesamte Bussystem neu geordnet. „Heute fahren drei Buslinien nach Esslingen.“ Auch Denkendorf und Neuhausen seien besser an die Kreisstadt angebunden als früher.



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