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HEUTE BEIM MUSIKFEST

Orgelflug zum Sonnenaufgang

Psalmen zur Liebesgeschichte auf der Parkbank: Uraufführung von Kay Johannsens „Nachtbus“ in der Stiftskirche

  Traut vereint: Marie Johannsen und Jonathan Bruckmeier.Foto: Bachakademie
 

Traut vereint: Marie Johannsen und Jonathan Bruckmeier. Foto: Bachakademie

 

Von Dietholf Zerweck

Stuttgart - Lisa und Max sind Anfang 20. Früher waren sie zusammen auf der gleichen Schule, zwischenzeitlich hatten sie sich aus den Augen verloren. Lisa studiert Soziologie in Berlin und führt ein flippiges, rastloses Leben. Gerade ist sie auf Kurzurlaub zurück in Stuttgart und auf dem Weg in eine Szenebar. Max, der Kinderarzt werden will, sucht nach einer Bank, um beim Sonnenuntergang für sich allein zu sein. Ihr Gespräch, das am Anfang außer ein paar freundlichen Floskeln und flapsigen Frotzeleien inhaltsleer bleibt, vertieft sich allmählich, bis sie den letzten Stuttgarter Nachtbus verpassen und gemeinsam den Sonnenaufgang erleben.

Was der zarte Anfang einer Liebesgeschichte sein könnte, hat der Stuttgarter Stiftskirchenkantor Kay Johannsen in seiner uraufgeführten sogenannten Orgeloper „Nachtbus“ zu einem kleinen Musiktheater mit religiösem Anspruch verarbeitet. Zwei Sänger treten als Engel in Erscheinung, Orgel, Flöte und Percussion schaffen den musikalischen Rahmen, und die beiden Darsteller kommen sozusagen aus der Familie. Marie Johannsen und Jonathan Bruckmeier, der Sohn des Stuttgarter Rampe-Regisseurs Stephan Bruckmeier, der „Nachtbus“ in der Stiftskirche inszenierte, sind Lisa und Max. Wie sie ihre Rollen auf dem teppichbespannten Treppenpodest vor dem Altar verkörpern, hat man als Zuschauer den Eindruck, dass eigene Erfahrungen, Beobachtungen und Gefühle in die Darstellung mit eingeflossen sind. Das wirkt manchmal rührend und ist mit viel Engagement gespielt, auch wenn der oft steife Text es den beiden nicht leicht macht.

Johannsens Bezeichnung „Orgel­oper“ trifft den Wechsel der neun parabelartigen Sprechszenen mit der gleichen Anzahl von musikalischen Parallelak­tionen nicht so recht. In ihnen hat Johannsen Psalmentexte verarbeitet, in denen die Sopranistin Katharina Persicke und der Bariton Ekkehard Abele auf die Gefühlslage von Lisa und Max reagieren: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“ beim Anblick der Sterne, „Ich schreie vor Unruhe meines Herzens“ zu Lisas Berliner Frusterzählung, „Nahe dich meiner Seele und erlöse sie“ bei Max‘ trauriger Erinnerung an seine an Leukämie gestorbene türkische Freundin Leila. Für die mit Videosequenzen bebilderten Traumszenen hat Johannsen Texte aus dem Hohenlied auf Englisch vertont („passend zur Musik, in der Pop- und Jazzelemente anklingen“). Ein gelungener Regieeinfall ist, dass die Sänger und Instrumentalisten, die zu Beginn und am Ende auf der Orgelempore stehen, während des Stücks in die Szenen einbezogen werden. So begleitet Ineke Busch „Let him kiss me“ auf dem Vibraphon am Bühnenrand, das zukunftsfrohe „Der Herr ist mein Licht und mein Heil“ wird von der Flötistin Julie Fiona Stewart im Chorraum umrankt. Wichtigster musikalischer Partner des modernen Mysterienspiels ist jedoch die Orgel. Im Programmheft erläutert Kay Johannsen ausführlich, mit welchen harmonischen Beziehungen er die einzelnen Musikstücke konzipiert hat. Am eindringlichsten wirken dabei die Improvisationen des C-Dur-Vorspiels („helles Licht des Tages“) und des wie im Orgelflug zum Sonnenaufgang sich steigernden Nachspiels („über H-Dur zurück nach C-Dur: Rückkehr des Lichts“). Als Orgelkantate ohne Spielszenen wäre Johannsens Komposition wohl geschlossener und eindrucksvoller.

Heute beim Musikfest

7 Uhr, Petruskirche Obertürkheim: Musik am Ende der Nacht II. Geistliche Vokalmusik Armeniens. Vokalistinnen-Quintett Luys (Licht).

22 Uhr Schlosskirche im Alten Schloss: Bachnacht IV. Johann Sebastian Bach: Werke für Laute (Suite g-Moll BWV 995, Suite c-Moll BWV 997, Präludium c-Moll BWV 999 und Fuge g-Moll BWV 1000). Andreas Martin, Laute.

Die Aufführung von Karlheinz Stockhausens „Sternklang“ im Höhenpark Killesberg fand witterungsbedingt bereits gestern statt.

 

Artikel vom 07.09.2010 © Eßlinger Zeitung

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