Masche für Masche wird Geschichte lebendig
ESSLINGEN: Mehr als 50 Begeisterte greifen im Merkelpark unter dem Motto „Kultur in Bewegung - Volldampf voraus“ zur Häkelnadel
Es mutete wie ein gemütliches Kaffeekränzchen an. Auf der Wiese im Merkelpark wurde gestern munter getratscht, während dabei die Häkelnadeln unentwegt in Bewegung waren. Masche für Masche entstanden so die kunterbunten Fassaden des ehemaligen Fabrikgebäudes der Kammgarnspinnerei Merkel und Kienlin im Maßstab 1 zu 20. Die Fenster wurden durch Kopien von alten Handarbeitsheften dargestellt, 100 Knäuel original „Esslinger Wolle“ regten zu fantasievollen Mustern an. Lebendiger kann Geschichte kaum sein, denn Mitarbeiterinnen der einstigen Wollfabrik erinnerten sich an die eine oder andere Anekdote. „Kultur in Bewegung - Volldampf voraus“ lautet das Motto des zweiwöchigen Programms des Kulturreferats rund um den Tag des offenen Denkmals am kommenden Sonntag. Mehr als 50 fast ausschließlich weibliche Häkler legten begeistert Hand an die „versponnene“ Idee von Inken Gaukel vom Kulturreferat und Manfred Schmidt, der in seinem Laden in Stuttgart nicht nur peppige, gehäkelte Toilettenhüte verkauft. Zunächst standen die Interessierten jedoch mit ihren Häkelnadeln in der Tasche etwas ratlos vor dem großen Drahtgeflecht. Doch bald wurde klar, dass jeder mit seiner Handarbeit einen Teil der Fassade ausfüllen sollte. Monika Schütz reihte Luftmasche an Luftmasche, bezog noch einen silbernen Faden ein und ging dann zu kleinen Blütenblättern über. Sie erwecke die einstige Wollfabrik nun aus dem Dornröschenschlaf. Häkeln sei nämlich Jogging für die Hausfrau, sagte Schütz völlig entspannt. So eine Aktion müsse man doch unterstützen, hieß es vielerorts. Die einen schafften in munterer Runde direkt an der Fassade, die anderen hatten es sich an den Tischen bequem gemacht. Gertrud Kwasnitschka hatte lange bei Merkel und Kienlin gearbeitet und häkelte nun ein Quadrat für das Miniatur-Gebäude. Eva-Charlotte Katzer erinnerte sich, wie sie das Betriebs-Orchester einst bei einer Feier zu einem Jubiläum im damaligen Kugelsaal in der Bahnhofstraße dirigiert hatte. Eine andere Häklerin weiß noch, wie es damals gestunken hatte, wenn sie an der Fabrik vorbei zum Freibad gegangen war. Im Schatten unter einem Baum hatte es sich Gerhard Friesch mit seinem langen Rauschebart im Kreis der Damen gemütlich gemacht. Das Stricken habe er von seiner Oma gelernt und Häkeln mache ihm auch Spaß. Die wenigen Geschlechtsgenossen übten sich derweil eher in einer großzügigen Wickel- und Webtechnik. „Die Fabrik ist schon ein Mal verschwunden“, sagte Schmidt und versprach, dass das gehäkelte Gebäude auch nach seinem Abbau im Merkelpark nicht das gleiche Schicksal erleidet.



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