OMNIBUS ODER STRASSENBAHN?
Sonst schlägt’s Funken
ESSLINGEN: Das Lenken eines O-Busses erfordert viel Fingerspitzengefühl - Hilfsaggregat für Notfälle
Sie gehören in Esslingen seit vielen Jahren ganz selbstverständlich zum Straßenbild: Die O-Busse, die mit Strom aus Oberleitungen versorgt werden. Sie sind leise, emissionsarm, flexibler als Stadtbahnen - und dennoch eine Seltenheit: Während in 47 Staaten weltweit rund 40 000 O-Busse Dienst tun, leisten sich mit Solingen und Eberswalde außer Esslingen nur zwei weitere deutsche Städte O-Bus-Netze. Das Lenken eines solchen Busses freilich unterscheidet sich ziemlich vom Fahren eines Dieselbusses.
Rund 14 Tage dauert die innerbetriebliche Ausbildung, die die Fahrer auf ihren regulären Bus-Führerschein der Klasse D draufsatteln, bevor sie einen der neun Esslinger O-Busse steuern dürfen: Markus Weinberg, selbst Berufskraftfahrer und beim Städtischen Verkehrsbetrieb (SVE) für die Fahreraus- und -weiterbildung zuständig, schult sie in Sachen technisches Know-how, Sicherheitsbestimmungen, Störungsbehebung und Signaltechnik. Dazu kommen Fahrstunden und eine Verwendungsprüfung. „Diese Ausbildung muss bei uns jeder haben, weil bei uns jeder alles fährt“, betont Günther Veith, Technischer Leiter beim SVE.
Seit 1942 sind in Esslingen O-Busse im Linienverkehr unterwegs. Während in den 60er-Jahren der O-Bus anders als ein normales Kraftfahrzeug das Gaspedal links und die Bremse rechts hatte, entspricht das Cockpit eines O-Busses heute bis auf ein paar Besonderheiten dem Standard aller SVE-Busse. Im Fahrverhalten unterscheidet sich ein O-Bus allerdings deutlich von einem Dieselfahrzeug, wie Weinberg erklärt: „Ein O-Bus fährt sehr leise, er rollt, wenn man es mit einem Auto vergleicht, wie im Leerlauf, und fährt stufenlos wie eine Bahn.“ Der Fahrer gibt dem O-Bus einen gewissen Schwung, dann lässt er ihn rollen. Fällt die Geschwindigkeit ab, gibt er wieder Strom.
Meldung „Stangenentgleisung“
Da der O-Bus über die beiden rund sechs Meter langen Stromabnehmerstangen mit dem Fahrdraht verbunden ist, hat er nach rechts und links nur jeweils vier Meter Spiel: „Das reicht gut, um einen Müllwagen zu überholen“, weiß Weinberg. Wer weiter ausschert oder außerhalb der Ideallinie zu schnell unterwegs ist, für den folgt die Strafe auf dem Fuß: „Dann fallen die Stangen raus, die Stromzufuhr ist unterbrochen, der Bus bleibt stehen, der Fahrer muss aussteigen und die Stangen mit den Fangseilen von Hand wieder einhängen.“ Nach einer Sichtprüfung, ob an der Leitung etwas beschädigt wurde, und einer Meldung „Stangenentgleisung“ an die Zentrale kann die Fahrt fortgesetzt werden. Während heute eine neue Technik erkennt, dass der Bügel entgleist ist und via Schnellabsenkung die Halterung aufs Dach einholt, gingen früher durch die dann senkrecht in die Höhe stehenden Stromabnehmer schon mal Fensterscheiben an umstehenden Häusern zu Bruch.
Ist bei den beiden Esslinger O-Bus-Linien - 118 zwischen Bahnhof und Zollberg und 101 zwischen Lerchenäckern und Obertürkheim - die Straße etwa durch Unfall, Falschparker oder Wasserrohrbruch überraschend versperrt, wird „abgedrahtet“: Die Stromabnehmer werden eingefahren und mit dem Hilfsaggregat, mit dem jeder Esslinger O-Bus ausgestattet ist, wird die Stelle umfahren. Dieses Notstromaggregat kommt auch zum Einsatz, wenn auf dem Betriebshof rangiert werden muss. Im Falle eines Stromausfalls könnte man damit sogar - mit Tempo 20 - die Tour zu Ende fahren.
Lichtpfeil an der Weiche
Im 30 Kilometer langen Esslinger O-Bus-System gibt es fünf Stationen, an denen der Strom von 10 000 Volt auf 600 Volt Gleichspannung gebracht und in das Fahrleitungsnetz eingespeist wird. Fällt in einem einzelnen Abschnitt der Strom aus, wird ein Ersatzverkehr mit Dieselbussen eingerichtet, fiele im gesamten Stadtgebiet der Strom aus, hätte Veiths Krisenstab alle Hände voll zu tun, um für die elektrisch befahrenen Linien eine Behelfslösung mit anderen Bussen zu installieren. Hat die Feuerwehr einen Einsatz mit der Leiter in der Nähe der Oberleitung, wird dieser Leitungsabschnitt von der Leitstelle stromlos gemacht, um die Einsatzkräfte nicht zu gefährden.
Wurden früher die Weichen an sich abzweigenden Routen noch von Hand am Schaltkasten gestellt, so programmiert der Fahrer heute seine Route. Die Weiche erkennt den Bus, stellt sich entsprechend und zeigt dem Fahrer per Lichtpfeil die eingestellte Richtung an. Stünde die Weiche einmal falsch, könnte er sie vom Fahrzeug aus per Funk umstellen. Weichen sind, wie auch die zwischen den Einspeisestellen eingebauten Isolierstücke, stromlos zu befahren, sonst schlägt’s einen Funkenbogen. Da braucht der Fahrer viel Fingerspitzengefühl, um dem Bus ausreichend Schwung mitzugeben, dass er diese Stellen ohne Antrieb überbrückt.
OMNIBUS ODER STRASSENBAHN?
Juristisch gesehen ist der O-Bus eine Mischform zwischen einer spurgebundenen Bahn und einem Omnibus. So erhalten die neun O-Busse des SVE nicht nur die technische Überwachung eines Omnibusses, sondern zusätzlich die elektrische Überwachung einer Straßenbahn. Weil der O-Bus als fahrleitungs- oder streckengebundenes Fahrzeug gilt, gelten teils die Vorschriften für Straßenbahnen: Für den Fahrer ist eine besondere Verwendungsprüfung notwendig. Er fährt nach den Signalen der Bahn, die an den Oberleitungen angebracht sind. Die Wagen müssen sich einer regelmäßigen Isolationsprüfung unterziehen, schließlich findet bei den gummibereiften O-Bussen nicht wie bei der Straßenbahn eine Erdung über die Schiene, sondern über die Stromabnehmerstangen statt. Und vielerorts haben O-Busse wie Straßenbahnen nur eine Betriebsnummer und nicht, wie in Esslingen, ein Autokennzeichen.



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