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Ein zähes Gespann

ES-KENNENBURG: Hans Deuschle will mit dem Rollstuhl um den Bodensee fahren - Pfleger Robert Sehne fährt auf dem Fahrrad mit

  Hans Deuschle gibt mit dem Rollstuhl das Tempo vor, Robert Sehne muss mit seinem Fahrrad „halt langsam do“.Foto: Rudel
 

Hans Deuschle gibt mit dem Rollstuhl das Tempo vor, Robert Sehne muss mit seinem Fahrrad „halt langsam do“. Foto: Rudel

 

Von Doris Brändle

Beim Spazierengehen ist der Fliesenlegermeister Hans Deuschle im Alter von 56 Jahren aus seinem Leben katapultiert worden. Ohne Vorankündigung und mit einer Gewalt und Endgültigkeit, die er sich nie hätte vorstellen können. Der Schlaganfall ist 13 Jahre her. Heute lebt Deuschle im betreuten Wohnen in Kennenburg. Küche, Bad, Balkon - alles auf wenigen Quadratmetern. Ein Teil seiner alten Eckbank steht neben dem Tisch, die ganze hat nicht reingepasst.Deuschle biegt mit der rechten Hand die zur Faust geballten Finger der linken auf: Sie gehorchen ihm nicht mehr. Seine ganze linke Körperhälfte gehorcht nicht mehr. Trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb - will Hans Deuschle mit seinem Rollstuhl um den Bodensee fahren. Am kommenden Sonntag geht es los. Deuschle hatte die Tour schon lang im Sinn, seit er 2003 für ein paar Wochen in Reha am Bodensee war. Er will die 200 Kilometer lange Tour aus eigener Kraft in einem ganz gewöhnlichen Rollstuhl schaffen. Ein Kraftakt, denn der 69-Jährige bewegt und steuert das Gefährt nur mit einem Bein und einer Hand.

Jede Etappe hat 40 Kilometer

Er hatte den Gedanken schon fast aufgegeben, denn die organisatorischen und finanziellen Hürden waren hoch. Ein ehrenamtliches Projekt am Geriatrischen Zentrum Kennenburg hat die Idee wieder zutage gefördert und möglich gemacht: Die Ehrenamtlichen wollen Bewohnern Herzenswünsche erfüllen. Finanziert wird die Initiative durch Spenden.

40 Kilometer pro Tag hat sich Deuschle vorgenommen, fünf Tage wird die Umrundung dauern. Die erste Etappe geht von Friedrichshafen nach Bregenz. Die Hotels an der Strecke sind bereits gebucht, sie organisieren auch den Gepäcktransport. Die Aktion Herzenswünsche kommt für die 1300 Euro auf, die die ganze Unternehmung für zwei Personen kosten wird. Zwei Personen? Ja, denn falls ein Reifen platzt oder Deuschle krank wird, soll ein Begleiter helfen. Hier kommt Robert Sehne ins Spiel. Der 49-Jährige ist Pfleger am Geriatrischen Zentrum und hat im Juni im Kennenburger Blättle von Deuschles Plänen gelesen. Er kannte Deuschle vom Sehen, weil der 69-Jährige sich im Beirat der Wohnanlage engagiert. Seine Abenteuerlust hat Sehne gefallen. „Meine Kollegen waren auch begeistert“, sagt er. Deshalb sei es auch gelungen, im Dienstplan noch eine Urlaubswoche für ihn freizuschaufeln.

„Da muss man dann halt durch“

Unentgeltlich ein paar Urlaubstage zu investieren, war Sehne die ungewöhnliche Reise wert. Nervös ist er auch ein paar Tage vor dem Start nicht: „Natürlich kann es sein, dass etwas dazwischenkommt oder dass es in Strömen schüttet - aber da muss man halt eine gewisse Zähigkeit haben, da muss man dann halt durch.“ Robert Sehne weiß, wovon er redet: Vergangenes Jahr ist er allein mit dem Fahrrad von Belgrad über Rumänien und Ungarn nach Regensburg gefahren. Wenn keine Herberge in Sicht war, hat er sich auch mal im Schlafsack hinter eine Hecke gelegt. „Die zwei passen vom Typ her gut zusammen“, findet Charlotte Fiedler, die Leiterin des Pflegestifts.

Ein spezielles Training hat sich Hans Deuschle im Vorfeld nicht auferlegt. Ist er sich sicher, dass er die 200 Kilometer schafft? „Ja selbstverständlich! Da gibt es gar keine Diskussion!“ Schließlich habe er seit seinem Schlaganfall schon tausende Kilometer auf dem Buckel. Er fährt oft in die Stadt und jedes Jahr mit dem Rollstuhl zum Cannstatter Volksfest. „Wenn's vorwärts zu anstrengend wird, fahr' ich halt rückwärts. Da bin ich genauso schnell“, sagt er. Rückwärts schiebt er den Rollstuhl vor allem mit seinem rechten Bein an. Sein Begleiter müsse „halt langsam do“. Auf die Frage, ob er während der Tour das Rauchen aufgeben will, antwortet Deuschle: „Das kommt drauf an: Wenn ich rückwärts fahr', kann ich rauchen; wenn ich vorwärts fahr, hab' ich keine Hand frei.“

Dass er nach dem Schlaganfall auf einmal so abhängig von anderen war, war für Deuschle nur schwer zu ertragen. „Dass ich am Anfang nicht allein aufs Klo gehen konnte, war das Schlimmste“, sagt er. Deuschle war es gewohnt, sein eigener Herr zu sein. Er hatte in Köngen einen Fliesenleger-Betrieb mit mehreren Angestellten. Der Meisterbrief hängt über dem Tisch in seiner Kennenburger Wohnung. Familie hat er keine. Die ersten Jahre hat er deshalb hart für seine Selbständigkeit gekämpft, die ausgedehnten Fahrten mit dem Rollstuhl sind ein Teil davon.

Was erhofft er sich von der Bodensee-Umrundung, was hat er von der Schinderei? Deuschle zögert keine Sekunde: „Genugtuung.“

Herzenswünsche

Bei dem Projekt des ehrenamtlichen Netzwerkes des Geriatrischen Zentrums Kennenburg geht es darum, Herzenswünsche von Bewohnern des Pflegestifts und der Wohnanlage zu erfüllen. Nicht alle Wünsche sind so aufwendig und teuer wie der von Hans Deuschle. Zum Beispiel will eine Frau mal wieder ihr Leibgericht Kartoffelschnitz und Spätzle essen, ein beinamputierter Mann will einen Pferdehof besuchen, ein anderer will wieder Kontakt zu allen sieben Kindern und eine schwerkranke Frau wünscht sich ein klassisches Konzert am Bett. Wer sich bei der Erfüllung eines Herzenswunsches engagieren will, kann sich bei Silke Köhler vom Sozialdienst melden: Tel. 07 11/39 05-100, E-Mail: skoehler@udfm.de.

 

Artikel vom 06.09.2010 © Eßlinger Zeitung

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