Grotesk-geniale Irrfahrt
ESSLINGEN: Die Compagnia Buffo spielt auf der Maille
Schon beim Eintritt in das Theaterzelt endet die Alltagswelt: An der Kasse sitzt das derzeit einzige Mitglied der Compagnia Buffo, Willi Lieverscheidt, mit weißer Theaterschminke im Gesicht und weist auf den Kühlschrank. „Getränke müsst ihr euch schon selber nehmen.“ Hier sind die Konventionen vergessen, schmeißt man die Münzen in die Kasse und schüttet sich selbst den Rotwein ins Glas.
Der Kühlschrank neben der Kasse
So ungefähr 80 Mal habe er das Stück schon gespielt, erklärt Lieverscheidt, und winkt dann ab: „So, jetzt muss ich meinen Text lernen.“ Der Kühlschrank, daneben die Kasse, davor der Künstler, dahinter die Geschirrtücher. Man ahnt schon: Dieser Abend wird interessant. Für eine Interpretation der Homer‘schen „Odyssee“ hat sich der Altmeister des Ein-Mann-Theaters diesmal entschieden. Und springt von einer skurril-amüsanten Szene zur nächsten: Ein lüsterner Odysseus verwandelt sich beim Zaubertrankmischen nicht in den erwünschten Vogel, sondern - oh Schreck - in einen Esel. Kasperl verhöhnt den einäugigen Zyklopen im Schattentheater („Lulatsch, du hast nur ein Auge.“), Leila und Mr. Spock verlieben sich auf der Lotosinsel und die gefährlichen Sirenen flüchten vor dem grauenhaften Gesang der Seemänner.
In seinem Stück vereint der Solokünstler gleich eine Vielzahl von Elementen: Schattenspiel und Stummfilm, Puppen und Kasper, Gesang und Pantomime. Immer wieder verschwimmen die Grenzen auf der Bühne: Der reale Lieverscheidt unterhält sich mit dem Lieverscheidt auf der Leinwand, wandert in den Film hinein und schlendert wieder hinaus. Meisterhaft schafft der 63-Jährige den Eindruck, ein ganzes Ensemble stünde auf der Bühne.
Lachtränen aus Gesicht wischen
Auch das Publikum bindet Lieverscheidt in seine Darbietung ein: Als italienischer Opernlehrer fordert er die Zuschauer zum Singen auf und gerät fast in Ekstase über die falschen Töne, um dann nach hinten zu verschwinden und auf der Leinwand bei einem Maß Bier über die Sänger zu lästern.
Während sich die so Verspotteten noch die Lachtränen aus dem Gesicht wischen, liefert das Ein-Mann-Theater schon den nächsten Höhepunkt: Als Odysseus die - erstaunlich hausfrauliche - Nymphe Kalypso verlassen will, versucht sich die Stummfilmdarstellerin das Leben zu nehmen. Aber Götter können nicht sterben, deswegen sind die Tabletten abgelaufen, besteht die Munition in der Pistole nur aus Platzpatronen und muss sich die Schöne selbst beim Erhängen vom Künstler assistieren lassen. Währenddessen duelliert sich der heimgekehrte Odysseus mit seinem Rivalen Casanova - ausgerechnet an der Bar in einer Disco. Und dann folgt das köstliche Finale: Der reale Lieverscheidt und sein Doppelgänger auf der Leinwand verkörpern zusammen Odysseus und Penelope, vereint als zänkisches uraltes Ehepaar: „Habe ich dir schon erzählt, wie ich den einäugigen Zyklopen überlistet habe?“, fragt der nun bärtige, gebückte Held mit Fistelstimme. Die Ehefrau, nicht minder greisenhaft, antwortet lapidar: „Schon hundertmal.“ Ein Happy End der anderen Art.
Zum Ende mag das Publikum gar nicht gehen, erhebt sich eher widerwillig. Wenigstens ist es schon dunkel draußen. Wenigstens läuft noch einen Moment lang Musik, leuchten noch die bunten Lichter des Wandertheaters. Das wäre sonst schon zu viel Realität gewesen, zu schnell.



Artikel kommentieren