ZWIEBLINGER FüR DIE EZ NOTIERT
Nun durch Hintertür zum hohen Dach?
Mit Erstaunen las der ZWIEBLINGER in der EZ vom 11. August unter der Überschrift „Am Bahnhof wird es noch einmal spannend“ die Ankündigung von Stadtplanungsamtschef Daniel Fluhrer: „Nach den Sommerferien werden wir mit allen Preisträgern des jüngsten Wettbewerbs für einen neuen Busbahnhof über Kosten sowie planerische Korrekturen reden. Auch mit Herrn Marchisella“. Ein anderes Vorgehen ist aus Fluhrers Sicht „rechtlich angreifbar“. Fragt der ZWIEBLINGER: Woher nimmt Fluhrer plötzlich den Mut, künftige Schritte der Verwaltung in Sachen „Weitere Überarbeitung der Wettbewerbsergebnisse“ anzukündigen und zu bewerten? Zumal OB Jürgen Zieger bei der Gemeinderatssitzung im April höchstpersönlich aufgerufen hatte, den Vorschlag von Marchisella trotz der Empfehlung der Jury aus dem Rennen zu nehmen?
Ziegers Wunsch?
Oder entspricht es gar Ziegers Wunsch, das hohe Glasdach über Busbahnhof und Bahnhof wieder ins Spiel zu bringen. Quasi hintenrum? Was soll Fluhrers Hinweis auf ein mögliches rechtliches Nachspiel, wenn der Gemeinderat die Pläne des Schweizer Stararchitekten einfach auf die Seite schiebe? Im Gegensatz zum Berliner Büro Orange, das Sieger des ersten Wettbewerbs war, kann sich das Büro Marchisella doch noch auf gar keinen Ausführungsbeschluss des Gemeinderats berufen.
Zur Erinnerung: Der Züricher Architekt Valentino Marchisella hatte vorgeschlagen, nicht nur den künftigen Busbahnhof, sondern auch das angrenzende Bahnhofsgebäude mit einem 14 Meter hohen, 25 Meter breiten und 150 Meter langen Glasdach zu überdeckeln. Spürbaren Durchzug gibt es bereits bei einem leichten Anheben eines Regenschirms. Und welche Folgekosten entstehen beim Putzen solcher großen Glasflächen? Oberbürgermeister Jürgen Zieger und Baubürgermeister Wilfried Wallbrecht sowie die Mehrheit der Jury waren begeistert. Doch aus dem Gemeinderat kam Gegenwind. Sinngemäß: Städtebaulich zweifelhaft, im Hinblick auf den Denkmalschutz zweifelhaft und mit Blick auf die gemutmaßten Kosten („über fünf Millionen Euro“) ungenügend. Und Gottfried Mueller , der Vorsitzende der Architektenkammer in Esslingen, diagnostizierte: „Diese Geste ist fünf Nummern zu groß für Esslingen. Man kann doch nicht den Bahnhof wie ein Möbelstück unter ein Dach stellen.“
Glasdach über Berner Bahnhofplatz
Zweifellos ist Marchisella ein international herausragender Architekt.Oberbürgermeister Zieger war ja beim Anblick von Marchisellas Glasdach über dem Berner Bahnhofplatz so begeistert, dass er so etwas eben auch in Esslingen haben wollte. In Esslingen war im Februar 2003 ein Vorschlag des Berliner Büros Orange Arch zur Umgestaltung des Esslinger Bahnhofplatzes aus einem Ideen- und Gestaltungswettbewerb Bahnhofplatz/neuer Busbahnhof hervorgegangen. Dessen Verwirklichung hätte mit rund zwei Millionen Euro zu Buch geschlagen. Die Lösung galt als „transparent und programmatisch“. Sie biete allen Personen, die auf einen Bus warten oder in die Bahnunterführung gehen, ausreichenden Wetterschutz. Kritik entzündete sich jedoch unter anderem an der Tatsache, dass die Wege zu den Wartehäuschen vor dem Bahnhof, zum Taxistand oder zu den Rädern nicht überdacht waren. Versuche, das Konzept des Berliner Büros zu ergänzen, fanden im Technischen Rathaus jedoch wenig Gefallen. Ein zusätzlicher Wettbewerb (Kosten: 100 000 Euro) sollte Verbesserungsvorschläge des Wetterschutzes bringen.
Die Haushaltslage der Stadt war allerdings schon damals fatal. 19 Architektenbüros, darunter auch das von Marchisella, beteiligten sich daran. Zieger und Wallbrecht waren von der städtebaulichen Komponente des Marchisella-Vorschlags so begeistert, dass sie vor lauter Begeisterung die Mängel an Wetterschutz und die Realisierungskosten aus den Augen verloren. Aber auch die Realisierung von Vorschlägen der anderen im Rennen gebliebenen Preisträger des zweiten Wettbewerbs kostet die Stadt Geld.
Orange-Arch-Pläne überarbeiten
Vielleicht wäre es billiger, die im Entwurf des Büros Orange Arch zur Überarbeitung verbliebenen punktuellen Wetterschutzmängel zu überarbeiten, als mit taktischen Winkelzügen ein Millionen teures riesiges Glasmonster über dem Bahnhof aus der Gründerzeit aufzuhängen.
Noch ein Hinweis: Am Tag des Offenen Denkmals, also am 12. September, wird ab 14 Uhr der Bahnhof und sein Umfeld vor Ort von Esslingen-Kenner Wolfgang Schlotterbeck interpretiert. Der ZWIEBLINGER rät: Unbedingt hingehen.
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