Der Bär tanzt Charleston
„Zaubernacht“ zwischen russischer Ballettpantomime und Zwanziger-Jahre-Nostalgie: Eine Ausgrabung des jungen Kurt Weill im Stuttgarter Theaterhaus
Stuttgart - „Weltweit erste Aufführung seit der Berliner Premiere 1922“ steht stolz und nicht ganz richtig im Programmheft des Stuttgarter Musikfests. Kurt Weills Kinderpantomime „Zaubernacht“, die erste Bühnenkomposition des 22-jährigen Komponisten, wurde zwar am Berliner Kurfürstendamm 1922 uraufgeführt, in Auftrag gegeben vom russischen Impresario Wladimir Boritsch als Familienunterhaltung für die damals riesige russische Gemeinde Berlins. Doch der Premiere folgte eine weitere Produktion Boritschs 1925 in New York. Danach wurde das Werk bis jetzt tatsächlich nie wieder im Original aufgeführt, das Aufführungsmaterial galt bis vor wenigen Jahren als verschollen. Kurt Weills Partitur ging auf seiner Flucht vor den Nazis verloren, die Orchesterstimmen, aus denen der Musikwissenschaftler Elmar Juchem von der New Yorker Kurt Weill Foundation die jetzige Partitur rekonstruierte, hatte Boritsch nach New York mitgenommen. Nach seinem Tod wurden die Noten in einem Keller der Universität Yale vergessen und erst 2005 wiederentdeckt.
Musikalisch noch recht harmlos
So präsentierte das Stuttgarter Musikfest im Theaterhaus immerhin die erste Inszenierung nach 85 Jahren und zeigte sie gleich dreimal an einem Tag. Die Neuentdeckung besitzt weder die Durchschlagskraft der „Dreigroschenoper“ noch den jazzig-herben Swing von Weills Broadway-Musicals. Es ist eine hübsche, vergleichsweise freundliche Musik von einer Stunde Dauer, kammermusikalisch gesetzt für neun Instrumente, unter denen das Schlagwerk eine für damalige Verhältnisse bereits recht prominente Position einnimmt. Wo manche Berliner Kritiker 1922 bemängelten, die Musik sei zu schräg für Kinder, da klingt sie für unsere Ohren zwar Weill-typisch, aber noch ein wenig harmlos, weit weniger kantig als seine später so prägnanten Theatermusiken und Opern. Manchmal neigt sie gar stärker zum Impressionismus als zum Expressionismus. Kein Kind wird sich heute davor fürchten, im Gegenteil: Oft klingt es sehr bildhaft und anschaulich, immer wieder lächelt auch ein tanzverliebter Saloneinschlag der wilden Zwanziger heraus. Das Arte Ensemble Hannover ließ der Wiederentdeckung schwungvoll den typischen Weill-Klang angedeihen.
Das Stück erzählt von belebten Spielsachen - dasselbe Thema wie in Tschaikowskys „Nussknacker“, dem damals gerade 30 Jahre alten Erfolgsballett nach E.T.A. Hoffmann. Sorgfältig hat die Stuttgarter Choreografin Nina Kurzeja ihr Szenario den wenigen Anmerkungen in den Orchesterstimmen nachempfunden, verortet das nächtliche Herumtoben eines Geschwisterpaars liebevoll zwischen russischer Ballettpantomime und Zwanziger-Jahre-Nostalgie in einem immergültigen Kinderfantasieland. Natürlich sind das Mädchen und der Junge ein bisschen frecher und flapsiger als im „Nussknacker“, die Zauberfee trägt ein schickes Minikleid und entpuppt sich als Hausdame, der Spielzeugbär erinnert an eine Oma (zumal in der goldigen Verkörperung durch Diane Marstboom): Die Kinder träumen und verarbeiten dabei ihren Tag. Die Verwandlung der Spielsachen in Menschen wird in winzigen Trickfilmszenen auf das expressionistisch schräge Fenster projiziert, am Himmel über der fast leeren Bühne hängen zwei riesige, fette Wolken. Das Steckenpferd trägt Boxhandschuhe, der Hampelmann ist halb Pierrot, halb klapperndes Skelett, ein Stehaufmännchen stürzt alles ins Chaos, und der Bär tanzt Charleston: Zu den Modetänzen der Zwanzigerjahre, die in Weills Rhythmik anklingen, deutet Kurzeja versonnen nostalgische Schritte aus dieser Zeit an, die Kindern wie Spielzeug mächtig Spaß machen. Ein Ausflug ins Exotische, damals fester Teil von Ballettmusiken, sieht hier aus wie „Walk like an Egyptian“, die Mechanik der „Coppelia“-Automatenpuppe rattert zwischen Moonwalk und Breakdance dahin.
Feines, leises Wiegenlied
Kurzejas sieben Tänzer und die Sängerin Natasja Docalu als Zauberfee (ihr einziges Lied blieb leider wenig verständlich) tobten goldig und unermüdlich durch die originelle Inszenierung, die oft pantomimisch und clownesk, manchmal ganz zart mit Elementen des modernen Tanzes versetzt war. Bis am Schluss die Spielsachen wieder erstarren, von den müden Kinder sorgfältig zugedeckt. Ein letztes Mal aber lächeln Hampelmann & Co. der Spielzeugfee zu, so geheimnisvoll wie das feine, leise Wiegenlied, das so gar nicht nach Kurt Weill klingt. Das schöne Kinderstück schließt nicht nur eine Lücke im frühen Oeuvre des deutsch-amerikanischen Komponisten, es macht den spröden, politischen Künstler fast ein wenig menschlicher.



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