WORT ZUM SONNTAG
Impulse aus Oberammergau
Aufgrund einer Einladung besuchte ich vor kurzem die Passionsspiele in Oberammergau. Von Presseberichten und persönlichen Rückmeldungen her war ich auf ein einmaliges Erlebnis eingestellt. Doch das, was ich in insgesamt knapp sechs Stunden Spieldauer zusammen mit rund 4700 Zuschauern, die vorwiegend aus englisch-sprachigen Ländern kamen, sah und hörte, übertraf bei weitem meine Erwartungen. Ich erlebte eine tief bewegende Aufführung, die - wie es im Vorwort des Textbuches heißt - „wichtige Elemente der Botschaft Jesu für heutige Zuschauer verdeutlichen will . . . Es ist ein Theater des Volkes für das Volk, das ins Leben greift und Hoffnung vermitteln will.“ Dies ist den insgesamt 2400 Beteiligten, dem halben Dorf also, eindrucksvoll gelungen.
Die Neuinszenierung des Jahres 2010 hat die Dramatik der Auseinandersetzung um Jesu Verurteilung in zeitgenössischer Weise aktualisiert. Im Machtpoker zwischen dem römischen Statthalter Pilatus und dem Hohen Rat mit Kaiphas an der Spitze hat Jesus keine Chance. Doch die innere Verbindung mit dem Vater gibt ihm die Kraft, seinen Weg konsequent bis zum Äußersten zu gehen. Zwischen den Szenen weisen Bilder mit lebenden Personen auf alttestamentliche Ereignisse hin. Mit anrührender Orchestermusik und wunderbarem Chorgesang wird das Geschehen noch auf andere Weise nahe gebracht.
In der Schlussszene ist das Grab des Gekreuzigten nicht sichtbar, der Auferstandene erscheint nur kurz. Es wird deutlich: Die Auferstehung Jesu Christi ist ein Geheimnis des Glaubens, hat aber enorme Folgen. Eindrucksvoll wird dargestellt, wie die ergriffenen Jüngerinnen und Jünger dem entschwindenden Christus in ein neues Dasein hinein hinterher gehen, einzeln und doch auch gemeinsam.
Ganz am Ende des Stückes bleiben die Zuschauer allein, die Darsteller betreten nicht mehr die Bühne. Wichtig ist nur eines - den Anruf zu hören, der jedem einzelnen Besucher gilt: Jesus nachzufolgen und entschieden aus seinem Geiste heute zu leben.
Ein prominenter Besucher, der Entertainer Thomas Gottschalk, der eine Woche vor mir in Oberammergau war, scheint diesen Anruf verstanden zu haben. Seiner Aussage „Wer kein hartgesottener Gottesleugner ist, der ist in Oberammergau spätestens zur Pause bereit, sein Glaubensbekenntnis zu erneuern“ ist nichts hinzuzufügen. Wetten, dass Ihnen ähnliche Worte auf der Zunge liegen würden . . .
Wolfgang Kramer, Pastoralreferent
am Esslinger Klinikum



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