Wachsam behütete Klangbalance
Das Leipziger Gewandhausorchester mit Riccardo Chailly und dem Pianisten Kit Armstrong spielt Musik von Schumann im Beethovensaal
Stuttgart - Wieder einmal zu Gast im Beethovensaal: Das Leipziger Gewandhausorchester, bestellt zur Eröffnung einer Schumann-Werkschau im Rahmen des Stuttgarter Musikfestes. Seit Kurt Masurs Abgang waren sie nur noch selten da. Man freut sich an der passionierten Bereitwilligkeit der Musiker gegenüber ihrem italienischen Chefdirigenten Riccardo Chailly, dessen lebhafte Körpersprache und Gestik auch das hinterste Streicherpult nicht unbeeindruckt lässt. Er macht deutlich, dass er sein Schumann-Porträt nicht mit milanesischer Lust aus dem düsteren Stuttgarter Festivalmotto „Nacht“ heben, sondern es dem Sinnspruch über dem Eingang des Gewandhauses zuordnen möchte: „Res severa verum gaudium“, nämlich dass aus einer ernsten Sache wahre Freude kommt.
Wie Clara Schumann persönlich
Am besten gelang ihm das mit Schumanns Klavierkonzert. Da hatte er mit Kit Armstrong, dem 18-jährigen amerikanischen Erfolgspianisten, ein Klavierbüble zur Seite, der aussah, als habe er erst die fünfte Klavierstunde vor sich, der artige Verbeugungen rundum im ausverkauften Beethovensaal versandte - und danach Schumann spielte, als habe er das nicht bei seinem Lehrer Alfred Brendel gelernt, sondern bei Clara Schumann persönlich. So hat sie nach den Berichten ihrer Zeitgenossen das Konzert ihres frisch angetrauten Ehemanns gespielt: wie eine Kindfrau an den Tasten, den Kopfsatz voller Virtuosität, aber stets sorgfältig in meditative und aufbrausende Szenen gegliedert, danach sehr schnell und doch nicht ohne Sehnsuchtston das Intermezzo und das wellenartig daherkommende Finale als große beschwingte Stretta. Die Partnerschaft zwischen Solist, Dirigent und Orchester krönte die Darbietung. Alle hörten aufeinander (etwa in den Dialogen von Oboe und Klavier), gingen aufeinander zu und gaben dem Detail Bedeutung. Diese wachsam behütete Klangbalance hob das a-Moll-Konzert aus seiner üblichen Introvertiertheit in ein Hörbild, in dem historische Gerechtigkeit und Modernität zusammenfanden. Statt schwermütig-romantischem Dunkel auf dem Podium also ein Meisterkonzert im Musikfestrahmen. Heftiger Beifall, keine Zugabe.
Achtungserfolge bot das übrige Schumann-Programm des Abends. Klanglich am klarsten war die einleitende Genoveva-Ouvertüre. Da hörte man Passagen, in denen die Musik wie von Zauberhand bewegt anmutig vorbeizog, dann aber in neuen Instrumentalfarben dramatisch aufbereitet erschien, wie das Chaillys Podiumsarbeit überhaupt entsprach. Schade nur, dass Schumanns künstlerische Schaffenskraft nicht für die folgenden Opernakte und das grausame Libretto geeignet war. Über einen Achtungserfolg ist auch Schumanns mutiges Konzertstück für vier Hörner und Orchester F-Dur op. 86 als Komposition nicht hinausgekommen, eingeengt vor allem durch die selbst gelegte Zwangsspur von vier konzertierenden Hörnern, die in der Praxis selten drei Sätze ohne bläserisches Missgeschick hinter sich bringen. Dem Leipziger Hornisten-Quartett mit Bernhard Krug, Clemens Rörger, Jochen Pless und Raimund Zell gelang fast wundersam behagliche Virtuosität in den Ecksätzen und sehnsüchtig kantable Tongebung in der Romanze.
Gestalterischer Eifer
Schließlich die dritte, aber eigentlich letzte Sinfonie Robert Schumanns, die sogenannte Rheinische, entstanden nach der Übersiedlung als Musikdirektor nach Düsseldorf. Sie gleicht einem ersten Rundgang durch die rheinische Landschaft mit dem grandiosen Kölner Dom inmitten, dem ein festlicher Satz denn auch gilt. Chailly verwandte wiederum viel gestalterischen Eifer darauf, um das Glück des Komponisten über seine Freiheit nach sächsischer Strenge durchscheinen zu lassen. Er vermied alles Hausbackene in der Schilderung, ließ kein dumpfes Pathos zu und verriet abschließend Stolz auf seine Streicher und Bläser. Das Musikfestpublikum schloss sich dem an.



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