Stall statt Strand
ESSLINGEN: Die 14-jährige Carolin hilft in den Ferien auf einem Bauernhof mit - Bauernwerk vermittelt Plätze
Diese Stadtkinder wissen ja gar nicht mehr, was schaffen heißt. Die kriegen schon Blasen an den zarten Händen, wenn sie nur an Arbeit denken. Und ihre Eltern meinen, der pubertierende Nachwuchs vollbringe Großes, wenn er mal den Wohnzimmerteppich saugt.Die Verantwortlichen beim Evangelischen Bauernwerk in Württemberg müssen sich wohl etwas in dieser Art gedacht haben, als sie vor mehr als zehn Jahren ein Ferienangebot für Jugendliche entwickelten: „Landleben-live“ nennt sich die Initiative. Jugendliche ab 14 sollen in ihren Ferien Heu und Gülle schnuppern, um einen Bezug zu Huhn, Kuh, Kartoffel und Arbeit zu bekommen. Und immer mehr Jugendliche haben Lust dazu: Zum Beispiel Carolin Steinmeyer aus Nattheim bei Heidenheim. Sie ist 14 und lebt jetzt schon die dritte Woche auf Hof Birkengehren. Den Bauernhof der Familie Merz erreicht man über einen Schotterweg vom Eichentor an der Römerstraße aus. Menschliches Leben und gar einen ganzen Hof samt Hühnerstall, Schweinezucht und Hofladen hätte der Ortsunkundige dort im Wald nie vermutet. Carolin ist glücklich hier. Es ist 10 Uhr am Morgen und die 14-Jährige steht mit Gummistiefeln in der Pferdebox und lädt mit der Mistgabel dreckiges Stroh auf eine Schubkarre. Ein paar Meter weiter fällt dem fünfjährigen Janis, der gerade einen Garten für seine Hasen bauen wollte, ein Holzscheit auf die Finger. Er heult auf und Carolin eilt ihm zu Hilfe, um Trost zu spenden. Auch das gehört dazu.
„Die Carolin ist resolut“
Carolin hat ihren Aufenthalt schon zweimal verlängert. Und dabei muss die Realschülerin jetzt in ihren Ferien täglich um 7 Uhr aufstehen. Sie hilft, die Tiere zu füttern, sie mistet aus, putzt die Speisekammer. „Ich helfe auch beim Kochen. Gestern habe ich Spätzle gemacht“, erzählt sie stolz. Außerdem hilft sie, Janis und seinen zweijährigen Bruder Elia morgens anzuziehen.
„Die Carolin ist resolut, die weiß schon, wie man die Jungs anfassen muss und wie sie sich bei ihnen durchsetzen kann“, sagt Kathrin Merz, die den Hof mit ihrem Mann Marcel bewirtschaftet. Als ihr eine Freundin von Landleben-live erzählt hat, war Kathrin Merz gleich begeistert. „Ich genieße es, mal so ein großes Mädchen dazuhaben“, sagt sie. Jetzt kann sie sich auch mal in Ruhe um den Schriftkram kümmern, wenn Carolin mit den Jungs spielt.
Die 14-Jährige hat auch Zeit für sich, reitet mit dem Pferd aus, macht mal ein Mittagsschläfchen oder Kathrin Merz nimmt sie mit in die Stadt, damit sie Klamotten kaufen kann.
Kathrin Merz ist 29 und auf einem Bauernhof in Filderstadt aufgewachsen. Der Erzieherin ist es wichtig, dass es im Leben noch etwas anderes als Schaffen gibt. Sie mag es, wenn ein paar mehr Leute um den Tisch herumsitzen. Dann kann man am Abend auch mal Kniffel spielen, statt immer nur Bauklötzchen zu stapeln.
Der fünfjährige Janis hat sich von seinem Arbeitsunfall am Hasengarten erholt und ist jetzt wieder ansprechbar. Wie findet er die Caro? „Toll.“ Warum? Er umklammert das Bein seiner Mama und murmelt in den Hosenstoff: „So halt.“
Und wie ist Carolin auf den Bauernhof geraten? „Mein Bruder hatte von dem Programm gehört. Der ist zwölf und ein richtiger Landfreak“, erzählt sie. Weil er zu jung ist, durfte er nicht mitmachen. „Und dann habe ich mich angemeldet.“ Aus reiner Neugier zunächst. Sehr städtisch ist ihr Heimatort Nattheim nun auch nicht gerade, aber mit Landwirtschaft hatte Carolin trotzdem nie zu tun. Ihr Vater ist Schreiner, die Mutter arbeitet bei einem Steuerberater. „Die sind ganz froh, dass ich nicht die ganzen Sommerferien daheim rumhänge“, sagt Carolin. Denn Urlaub mit Strand und Meer gibt es dieses Jahr eh nicht.
Genug Drecksachen mitnehmen
So lang war Carolin noch nie von zuhause weg, sie wundert sich fast selbst, dass sie kein Heimweh hat. Kathrin Merz erzählt: „Das war gestern ganz lustig: Carolins Vater hat angerufen, weil er sich Sorgen gemacht hat, dass sie sich womöglich selbst einlädt, wenn sie länger bleiben will.“ Dabei sei Carolin eine Bereicherung. „Sie ist offen für alles und ich hab schon einiges von ihr gelernt“, sagt Kathrin Merz. „Ich rege mich immer total schnell auf, während Carolin sich nicht aus der Ruhe bringen lässt.“
Was rät Carolin anderen Jugendlichen, die sich auf das Abenteuer Bauernhof einlassen wollen? „Genug Drecksachen mitnehmen und nicht immer gleich igitt schreien.“
e_SFlb
Ferien auf dem Bauernhof
Landleben-live ist ein Vermittlungsangebot des Evangelischen Bauernwerks Württemberg. Als Familienmitglied auf Zeit leben und helfen Jugendliche in den Ferien zwei bis sechs Wochen auf dem Hof mit. „So wächst ihr Wissen und ihre Wertschätzung für die Landwirtschaft“, sagt Projektleiterin Veronika Grossenbacher. Mancher habe dabei sogar schon seinen Beruf gefunden. In diesem Jahr hat Grossenbacher bereits mehr als 100 Jugendliche auf Bauernhöfe in Württemberg und in der Schweiz vermittelt. Die Jugendlichen erhalten von der Landwirtsfamilie ein Zimmer, Verpflegung und ein wöchentliches Taschengeld von 25 bis 35 Euro.



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