Startklar für den Winter
ESSLINGEN: Während die einen die letzten warmen Tage genießen, denken andere schon an die kalte Jahreszeit
Für die Meteorologen hat gestern der Herbst begonnen, doch nach einem kühlen August freuen sich die meisten Leute noch auf ein paar warme Spätsommertage. Doch es gibt auch Menschen, die schon wieder an den Winter denken. Die EZ hat einige von ihnen besucht.
Lothar Winkelmann friert. Er trägt eine dicke Daunenjacke, sein Atem bildet eine weiße Wolke und an der Wand glitzert Raureif. Bei minus 20 Grad testet der Mechaniker für den Esslinger Automobilzulieferer Eberspächer Standheizungen in einem riesigen Gefrierschrank, einer so genannten Kältezelle. Das ganze Jahr über, auch im Hochsommer. Lothar Winkelmann überprüft bei Polarkälte, ob die Heizungen richtig heizen, wie ihnen der Dauerlauf bekommt und ob sie auch nach Stunden in der Kälte aufs erste Mal zünden. Ist es nicht erfrischend, im Sommer in so einer Eiskammer zu arbeiten? Das sei eher hart, wenn's draußen richtig heiß ist, erzählt Lothar Winkelmann. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Manchmal müssten er und sein Kreislauf innerhalb von Minuten Temperatunterschiede von 50 Grad verkraften. Aber Probleme hatte er noch nie, er macht das schon über zehn Jahre. Nur gesund müsse man sein. „Diese Arbeit ist nicht ungefährlich,“ sagt auch Patric Schlecht, Ingenieur in der Abteilung Prüfstände Heizungsbereich. Deshalb muss Lothar Winkelmann in der Kälte alle paar Minuten wie ein Zugführer per Knopf bestätigen, dass er noch den Knopf drücken kann. Fehlt ein Knopfdruck, kommt sofort Hilfe.
André Maetzel gibt’s nur im Winter - das könnten zumindest die Esslinger denken. Denn sie kennen den Sattler und Seiler umgeben von Glühweinduft und im Kerzenschein auf dem Esslinger Mittelaltermarkt. In seiner Holzhütte auf dem Hafenmarkt zeigt der 34-Jährige dann, wie Kordeln gedreht und Pferde besattelt werden. Doch was ist im Sommer? Macht der Wintermann Sommerschlaf?
Ganz im Gegenteil - er freut sich schon jetzt auf die ruhigen Wintermonate. Denn im Sommer weiß er kaum, wie er seine Arbeit schaffen soll. Zwischen Nienburg und Bremen wohnt André Maetzel im Zirkuswagen. Er lebt autark, das heißt, er stellt alles, was er zum Leben braucht, selbst her. 2,5 Hektar Land bewirtschaftet er. Das ist die Fläche von fünf Fußballfeldern. Drei Pferde helfen ihm bei der Arbeit. Einen Traktor hat er nicht. Bohnen, Möhren, fünf verschiedene Kohlsorten, Gurken, Mangold, Äpfel, Birnen und vieles mehr baut er an. „Morgens um sechs stehe ich auf, versorge die Tiere, ernte und koche ein. Bis es dunkel wird“, erzählt der Sattler und Seiler. „Es macht viel Spaß, aber ist auch ein verdammt hartes Brot. Ich habe jahrelang keinen Urlaub gemacht.“ Doch mit unserem Wirtschaftssystem kann André Maetzel gar nichts anfangen. Und so will er auch keinen Cent vom Staat, sondern komplett unabhängig sein. Das größte Problem des Wintermannes ist, dass es schon wieder auf den Winter zugeht. Die Tage werden kürzer und es bleibt weniger Zeit für die Arbeit. Und er muss noch so viel erledigen: Einen neuen Stall für die Pferde bauen und das Holz selbst im Wald schlagen. Dann will er noch einen Keller bauen und den Holzstand für den Esslinger Weihnachtsmarkt fertig machen. Vielleicht kann er sich dann im Winter in Esslingen ein wenig ausruhen.
Auf dem Bauhof in Esslingen ist der Winter immer präsent: Wann wird es in diesem Jahr kalt? Funktionieren die Streufahrzeuge? Wann ist der Zeitpunkt, an dem letztmöglich zu Sommerpreisen Streusalz und Split gekauft werden können? Diese Fragen treiben Joachim Rauer auch im Hochsommer um. Er ist Leiter des städtischen Fuhrparks und organisiert den Winterdienst in Esslingen. 170 Fahrzeuge gibt es auf dem Bauhof, vom Rasentraktor bis zum Bagger, und rund 500 Geräte und Maschinen. Über 80 Menschen arbeiten im Winterdienst. Im Winter haben sie ab halb vier Rufbereitschaft und rücken bei Schnee und Eis um halb fünf in Räumtrupps aus. Doch im Sommer gibt’s nicht weniger zu tun. Die Schnee-Männer kehren die Wege auf den Friedhöfen, gießen die Blumen in den Stadtparks, mähen den Rasen und machen die Winterfahrzeuge sommerfest. Salz und Kälte setzen den Streuanhängern nämlich zu. Sie werden geleert und gewaschen, dann von Mechanikern überprüft und im Regal der Lkw-Garage gelagert. Acht große Streuanhänger gibt es, sie kosten zwischen 30 000 und 40 000 Euro. Und mehrere kleine „Salzstreuer“, die im Winter auf der Ladefläche von kleinen Pick-Ups stehen. Salz zum Streuen wäre auch schon da. Weil niemand wusste, wann der letzte kalte Winter endgültig vorbei ist, sind in den großen Silos auf dem Hof noch rund 200 Tonnen Salz eingelagert. Mit 450 Tonnen Salz wären die Silos voll. Insgesamt wurden im letzten Winter 1000 Tonnen Salz und 250 Kubikmeter Split gestreut.
Unten in der Tiefgarage, bei Kunstlicht, liegt ein großer, grauer Berg Split. Er nimmt zwei Parkplätze ein. Wenige Parkplätze weiter lagert noch mehr Salz. „Weil man ja nie weiß, was kommt“, sagt Joachim Rauer. Und dann grinst er, holt mit seinen großen Händen weit aus und präsentiert voller Stolz die Garage mit den Lastern und den Salzstreuern oben im Regal. „Wenn der Winter heut‘ kommt, dann können wir gleich loslegen.“



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