AUFGESPIESST
Das wahre Leben
Kinder üben beim Spielen Rollenverhalten. Dabei spiegeln sie unbewusst die gesellschaftliche und familiäre Wirklichkeit. Das ist eine banale Weisheit? Ja - aber doch immer wieder hübsch zu beobachten. Die EZ hat keine Kosten gescheut und für die soziologische Feldforschung eigens eine Redakteurin an einen Hotelpool in Südtirol geschickt. Dort waren bald geeignete Beobachtungsobjekte gefunden: zwei etwa achtjährige Mädchen mit ihren Barbies. Die Eltern und andere Hotelgäste fläzten träge in ihren Liegestühlen.Zunächst geht es um die Rollenverteilung. Schnell stellt sich heraus, welches der beiden Mädchen die Bestimmerin ist und welches das ausführende Organ. Die Bestimmerin darf natürlich die blonde Barbie sein: „Die hätt' voll wenig Zeit für ihre Kinder, weil die tät' arbeiten müssen. Und du wärst der Mann und der müsste jetzt auf die Kinder aufpassen“, sagt sie. An dieser Stelle steht die Mutter der Bestimmerin von ihrer Liege auf und mahnt, doch bitte leise zu spielen. Das untergebene Mädchen ist unzufrieden, denn die Rolle von Barbie-Mann Ken wollte schon vor 30 Jahren niemand spielen. Doch die Achtjährigen sind damals wie heute bereits desillusioniert genug, um zu wissen, dass Jungs zwar blöd sind, ohne sie aber der Fortbestand der Menschheit (und damit natürlich auch der Barbiewelt) gefährdet ist. Irgendeine muss also Ken spielen. Die Bestimmerin drängt: „Meine Barbie müsste jetzt dringend zu einem Meeting, der Mann hat eh nix zu tun, mit dem musst du jetzt das Baby wickeln.“ Ein Herr in Badehose, vermutlich der Vater der Bestimmerin, zischt jetzt Unverständliches.
Das untergebene Mädchen hat sich inzwischen etwas ausgedacht, um Ken doch noch loszuwerden: „Der Mann müsste jetzt schnell weg, weil sein Chef anrufen tät'“, sagt sie. Die Bestimmerin ist gnadenlos: „Nein, es wär' Samstag, da tät' der Chef nicht anrufen.“ Doch statt kleinlaut den Ken zu spielen, ruft das andere Mädchen erleichtert: „Samstags ist der Mann doch nie da! Da geht der doch immer zu seiner Freundin!“



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