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In drei Sekunden auf 110 Stundenkilometer beschleunigt

ESSLINGEN: Flughafenbetrieb ist Vereinssache - Aero-Club konstruiert Winde in Eigenregie

 
 
 

Von Claus Hintennach

Eine Handvoll Leute genügt eigentlich, um am Segelflugplatz Jägerhaus den Flugbetrieb zu gewährleisten. Doch meist sind an den Wochenenden viel mehr Piloten, Mitglieder des Aero-Clubs Esslingen (ACE) und Schaulustige anzutreffen. Unabdingbar sind aber neben dem Piloten ein Flugleiter, jemand, der die Winde bedient oder ein Pilot, der das Motor-Schleppflugzeug steuert, ein Fahrer, der das Startseil zurück in Startposition bringt, und ein Flügelmann, der dafür sorgt, dass beim Start keine der Schwingen den Boden berührt. Alles wird von den ACE-Mitgliedern in Eigenregie erledigt. „Wir machen Segelflug als Breitensport“, sagt Heiko Nill, der zweite ACE-Vorsitzende. Und das obwohl die Mannschaft wieder in die erste Bundesliga aufgestiegen ist. 270 Mitglieder zählt der Verein, 70 davon lassen Modellflieger in die Luft gehen. 40 ACEler nehmen am Segelflugbetrieb teil. Und die müssen auch in die Funktionen am Flugplatz schlüpfen.

Kunststoff statt Draht

An diesem sommerlichen Tag sitzt Eduard Beck an der Winde. Beck ist Gründungsmitglied des Vereins, war 28 Jahre dessen Vorsitzender, ist Ehrenmitglied und nach wie vor häufig auf den Höhen des Schurwalds anzutreffen. Unter seiner Federführung hat der Verein die Winde konstruiert und ständig weiterentwickelt. Auf zwei separat anzutreibenden Trommeln sind jeweils 800 Meter lange Seile gewickelt. Seit kurzem sind die aus Kunststoff, die Drahtausführung davor wog 80 statt der jetzigen 15 Kilogramm. Die Trommeln sitzen auf einem Lastwagen und werden mit den 256 PS eines Acht-Zylinder-Dieselmotors in Bewegung gesetzt. Wird mit derartiger Wucht am Flieger gezerrt, beschleunigt der in drei Sekunden auf 110 Stundenkilometer. „Es funktioniert wie wenn man beim Drachensteigen mit der Schnur in der Hand losrennt“, sagt Nill. Der Windenfahrer spielt mit Gas- und Bremspedal. Während von vorne mit voller Kraft an den Segelfliegern gezogen werden kann, klinkt sich das Seil in der Höhe bei Belastung von hinten aus. In Notfällen kann der Windenfahrer das Seil auch kappen. Nach dem Ausklinken in etwa 300 Metern Höhe schwebt das Seil am kleinen Fallschirm nach unten und wird auf die Trommel gerollt, um dann von einem Auto wieder an den Start gezogen zu werden.

Manch ein ACE-Mitglied startet mit eigenem Segelflieger, es sind aber auch zehn Flugzeuge in Vereinsbesitz: acht Segelflieger - drei davon sind Schulflugzeuge -, ein Motorsegler und eine Motormaschine zum Schleppen. Starts und Landungen werden vom Flugleiter koordiniert.

Kontrollzone beachten

An diesem Tag sitzt Wolf Dressel im silbernen Kleintransporter am Funkgerät. Dressel fliegt seit 1965 beim ACE. An einem sonnigen Sonntag registriert er als Flugleiter bis zu 100 Starts, er muss mit den Piloten und dem Windenfahrer funken, er erteilt Freigaben und trägt die relevanten Daten wie Pilot, Zeit und Flugart ins Flugbuch ein. „Und ich muss aufpassen, dass kein Schaulustiger oder Jogger über den Flugplatz läuft.“

Das Fliegen im Schatten des Stuttgarter Flughafens bedeutet die eine oder andere Einschränkung. Zunächst muss der Flugbetrieb beim Tower auf den Fildern angemeldet werden. In die innerste Kontrollzone des Airports darf kein anderer Flieger rein, das heißt, ein Abschwenken nach Westen ist nicht möglich. In die anderen Richtungen gilt zunächst eine Höhenbegrenzung von 3500 Fuß (ein Fuß sind etwa 30 Zentimeter, der Flugplatz am Jägerhaus liegt 485 Meter hoch). Kurz hinter Backnang im Norden und Schwäbisch Gmünd im Osten ist dann unbegrenztes Segeln möglich. In aller Regel schaffen es die Piloten, nach dem Start auf Esslingens Höhen auch dort wieder zu landen. Etwa zwei Minuten vor der Landung wird mit dem Flugleiter Kontakt aufgenommen. Wolf Dressel wird an diesem Tag noch bis 19 Uhr derlei Funksprüche entgegennehmen. Dann ist sein Neun-Stunden-Tag vorüber. So ein Vereinsbetrieb fordert den ganzen Mann.

 

Artikel vom 01.09.2010 © Eßlinger Zeitung

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