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„Kinder wollen herausgefordert werden“

ESSLINGEN: Marco Süß leitet die Kinder- und Jugendsparte an der WLB

  Auf dem überdimensionalen Stuhl, der zum Bühnenbild von „Pinocchio“ gehört, nimmt Marco Süß selbst die Perspektive eines Kindes ein.Foto: Weiß
 

Auf dem überdimensionalen Stuhl, der zum Bühnenbild von „Pinocchio“ gehört, nimmt Marco Süß selbst die Perspektive eines Kindes ein. Foto: Weiß

 

Von Gaby Wei ß

Für manche ist Kindertheater gleichbedeutend mit Jux, Trallala und heiler Welt. Dass es auch anders geht, zeigen die anspruchsvollen, brisanten und lebendigen Kinder- und Jugendstücke an der Württembergischen Landesbühne (WLB). Marco Süß, der die Junge WLB leitet, ist ein pfiffiger Theatermacher und ein nachdenklicher Gesprächspartner, der Sätze sagt, wie „Die Zuschauer kann ich nur überraschen, wenn ich mich selber überrasche“ oder „Theater ist dann gut, wenn es tief ist, wenn etwas dahinter steckt, wenn es mit Leidenschaft gemacht ist.“ Neun bis zehn Stücke pro Spielzeit stehen an der Jungen WLB auf dem Plan, sechs für die Altersgruppen zwischen 4 und 14, eines für die große Bühne, zwei Lesungen mit Spielszenen und ein Klassenzimmerstück, das direkt in den Schulen aufgeführt wird. „Spielplanmachen für Kinder und Jugendliche ist schön, weil sie sehr offen und unglaublich interessiert sind“, sagt Süß. Allerdings funktioniere Kindertheater nur über Vermittler, schließlich gehen Kinder nicht allein ins Theater. Deshalb müssen Eltern und Lehrer eingebunden werden. Die wiederum neigen dazu, den Theaterbesuch pädagogisch zu betrachten und als Bildungsvehikel zu nutzen, weiß Marco Süß: „Theater hat eine wichtige Aufgabe im Bereich Bildung, aber nicht im Sinne der Anhäufung von Wissen, sondern im Sinne von Leben lernen.“

Nicht die Wirklichkeit imitieren

Marco Süß will kein oberflächliches Kindertheater machen: „Theater lebt von Konflikten. Man macht Kunst, um Konflikte zu bewältigen.“ Dass Eltern ihre Kinder lieber vor dieser Konfrontation beschützen wollen, weiß er als dreifacher Vater nur zu gut: „Das geht mir ganz genau so, aber Kinder wollen herausgefordert werden und Kinder können sehr wohl unterscheiden, was Kunst und was Wirklichkeit ist.“ Deshalb ist für ihn wichtig, dass im Theater „eine klare Spielvereinbarung“ stattfindet: „Kinder müssen deutlich sehen: Da findet Theater statt, das ist ein Spiel.“ Das wird an der Jungen WLB klargemacht, indem die Schauspieler sich erst auf der Bühne schminken, indem sie Masken aufsetzen, indem sie über Körperhaltung und Stimmführung zeigen, dass es um Spiel, nicht um Wirklichkeit geht. „Gerade für Kinder unter zehn Jahren ist es schwierig, wenn Dinge zu realistisch dargestellt sind. Aber man macht ja Theater auch nicht, um die Wirklichkeit zu imitieren, sondern um sie zu vergrößern oder sie zu untersuchen“, betont Marco Süß.

Der 38-Jährige, der selbst zwei bis drei Regiearbeiten pro Spielzeit übernimmt, legt Wert darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt: „Es ist wichtig, dass man lacht, im Leben wie im Theater. Lachen heilt, Lachen gibt Kraft, Lachen lässt lebendig sein. Lachen ist der beste Weg, um Konflikte zu bewältigen.“

Um zu wissen, was Kinder heute beschäftigt, investieren Süß und sein Team viel Zeit und Energie in die Begegnung mit Kindern und Jugendlichen: So hat sich bei der Arbeit an seiner neuesten Inszenierung, dem „Pinocchio“ von Carlo Collodi, das ganze Produktionsteam mit dem zukünftigen Publikum getroffen: „Wir haben die Kinder eine Figur aus Stoffen bauen lassen und sie dabei beobachtet. Und dann mit ihnen gesprochen und die Fragen gestellt, die uns interessieren: Was ist ein perfekter Mensch? Ist es besser, ein perfektes Kind zu sein oder ein perfekter Erwachsener?“

Sorge bereitet dem Theatermacher die Konkurrenz durch oberflächlich und lieblos hergestellte Buch-, Film- und Fernsehproduktionen: „Leider ist der Hauptteil der Kommerzkunst heute sinnfreie Fantasy, wo realitätsferne Wesen realitätsferne Feinde besiegen. Damit muss man sich auseinandersetzen, wenn man Theater machen will, das aus der Lebenswirklichkeit kommt.“

 

Artikel vom 31.08.2010 © Eßlinger Zeitung

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