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Zwiespältige Schönheiten

Musikfest Stuttgart: Helmuth Rilling dirigiert Claudio Monteverdis „Marienvesper“

  Helmuth Rilling sucht in Monteverdis „Marienvesper“ nach schönen Stellen statt reizvollen Reibungen.Foto: Bachakademie
 

Helmuth Rilling sucht in Monteverdis „Marienvesper“ nach schönen Stellen statt reizvollen Reibungen. Foto: Bachakademie

 

Von Verena Gro ß kreutz

Stuttgart - Nach der weltlichen Festival-Ouvertüre am Samstag gab es beim Stuttgarter Musikfest am Sonntag ein zweites Eröffnungskonzert: die geistliche Variante für das Stammpublikum der Bachakademie, das sich am Tag zuvor rar gemacht hatte. In der ausverkauften Stiftskirche läuteten Helmuth Rilling und seine Ensembles mit Claudio Monteverdis „Marienvesper“ gleichzeitig das „Vesper-Projekt“ ein - jenen der vielen Festival-Stränge, der sich dem Musikfest-Motto „Nacht“ von der kirchlichen Seite her nähert: dem musikalischen Abendgebet.

Zeit des Umbruchs

Ob Monteverdis „Marienvesper“, die Vertonungen von Psalmen, Hohelied-Paraphrasen, einem Hymnus und dem Magnificat vereint, allerdings zum liturgischen Gebrauch gedacht war, ist bis heute umstritten. Sicher ist aber, dass es wahrlich revolutionär war, was der spätere Kapellmeister des Markusdoms in Venedig 1610 in diesem Werk zum Ausdruck brachte. Entstanden in einer Zeit des musikalischen Umbruchs, wie es die Einführung im Programmheft anschaulich darstellt, manifestiert sich hier der Wandel vom alten niederländischen Motetten-Stil und seiner noch stark an den Cantus Firmus gebundenen Kontrapunktik hin zum freieren italienischen Stil und seiner Orientierung an opernhafter Theatralik und virtuos-konzertantem Duktus.

Die Bachakademie hatte gut daran getan, das Werk nicht in der Liederhalle, sondern in der Stiftskirche aufzuführen, wo man die räumlichen Möglichkeiten für die Doppelchörigkeit und die effektvollen, oft mit Sprachspielen verbundenen Echowirkungen trefflich nutzen konnte. Die Gesamtaufführung allerdings bleibt äußerst zwiespältig in Erinnerung. Eine so vorsichtig agierende, dadurch unrein intonierende, im rhythmischen Gefüge unpräzise Gächinger Kantorei, wie sie sich zu Beginn zeigte, hat man selten gehört. Ohnehin wäre in dieser eher intimen, sehr sinnlich inspirierten Musik eine kleinere Besetzung effektvoller gewesen - die beiden Chöre bestanden jeweils aus 20 Stimmen. Aber im Laufe des Abends wurde das Ensemble freier und fand dann doch partiell zu homogenem Schönklang zusammen. Freilich vermisste man den Mut zu jenen vibrierenden, feinen Reibungen, die den Reiz dieser Musik ausmachen. Spannung baute sich vor allem auf, wenn die vorzüglichen Solisten am Geschehen beteiligt waren. Alle fünf bemühten sich um schlanken Ton und zeitgemäße Verzierungstechnik, scheuten das Risiko kaum hörbarer Dynamik nicht und fanden auch im Duett zu fein empfundener Klanglichkeit: die Soprane Kirsten Blaise und Miriam Burkhardt genauso wie die Tenöre Maximilian Schmitt und Bernhard Berchtold und der Bariton Tobias Berndt.

Stilistisch uneinheitlich

Eine andere Vision als die detaillierte Herausarbeitung besonders schöner Stellen hatte Helmuth Rilling an diesem Abend nicht vorzuweisen. Historisch besonders informiert wirkte seine Sicht auf Monteverdi nicht. Das äußerte sich nicht nur im vorwiegend modernen Instrumentarium des Bach-Collegiums, in dem Barockbögen auf der einen Seite und romantisch-melancholische Englischhörner auf der anderen für stilistische Uneinheitlichkeit sorgten. Auch die für Monteverdi so wichtige flexible rhythmische und metrische Gestaltung fand keine angemessene Beachtung.

Am heutigen Dienstag steht die zweite Bachnacht auf dem Programm des Musikfests. Beginn ist um 22 Uhr in der Johanneskirche am Feuersee. Die Geigerin Isabelle Faust spielt Werke für Violine solo von Johann Sebastian Bach (Partita Nr. 3 E-Dur BWV 1006, Partita Nr. 2 d-Moll BWV 1004 und Sonate Nr. 3 C-Dur BWV 1005).

 

Artikel vom 31.08.2010 © Eßlinger Zeitung

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