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Geniale Galgenschwester

Palma Kunkel führt im Stuttgarter Friedrichsbau-Varieté durch Ralph Suns innovative neue Show „Morgensterne“

  Palma Kunkel hat in Christian Morgensterns Fundus nach den originellsten „Galgenliedern“ gefahndet und lässt unter anderem den Walfafisch glupschäugig ins Publikum glotzen. Foto: Friedrichsbau
 

Palma Kunkel hat in Christian Morgensterns Fundus nach den originellsten „Galgenliedern“ gefahndet und lässt unter anderem den Walfafisch glupschäugig ins Publikum glotzen. Foto: Friedrichsbau

 

Von Alexander Maier

Stuttgart - Ob in der Volksbühne, im Tränenpalast oder im Chamä­leon-Varieté - in der Hauptstadt ist Annika Krump schon lange kein Geheimtipp mehr. Wenn die vielseitige Performancekünstlerin in ihre Paraderolle schlüpft und als Palma Kunkel die „Galgenlieder“ des Dichters Christian Morgenstern auf unverwechselbare Weise zum Klingen bringt, bekommt der Begriff Galgenhumor eine neue, faszinierende Bedeutung. Höchste Zeit, dass man der Königin der geistreichen Unterhaltung auch bei uns den roten Teppich ausrollt. Im Stuttgarter Friedrichsbau-Varieté ist Palma Kunkel der Fixstern in Ralph Suns neuer Show „Morgensterne“, die als musikalisch-humoristisch-akrobatisch-theatralisch-philosophisch-visuelles Gesamtkunstwerk zwischen Morgensterns Poesie, Dada und Bauhaus in eine neue Dimension des Varietés vorstößt.

Derart überschwängliches Lob hat Ralph Sun für seine „Morgensterne“ allemal verdient. Seit er die künstlerische Leitung des Hauses übernommen hat, hat das Friedrichsbau-Varieté einen großen Schritt nach vorn gemacht. Sun begnügt sich nicht mit klassischem Nummern-Varieté, das Attraktion für Attraktion mehr oder minder originell aneinanderreiht. Seine Programme sind immer wieder überraschend, neu und innovativ. Er traut sich was, hinterfragt vertraute Wahrnehmungsweisen und verlangt seinem Publikum durchaus auch etwas ab. Seine Shows sind nie langweilig und immer für eine Überraschung gut.

„Singende Tellermine“

Und über allem strahlt Palma Kunkel. Die Dadasophin singt, tanzt, spielt, rezitiert, kokettiert und lässt die singende Säge und andere absonderliche Instrumente klingen, dass es nur so eine Art hat. Mit toller Stimme und eindrucksvoller Bühnenpräsenz führt sie durch einen Abend, der dem alten Christian Morgenstern zur Ehre gereicht. Denn der hatte einst erkannt: „Die Galgenpoesie ist ein Stück Weltanschauung. Es ist die skrupellose Freiheit des Ausgeschalteten, Entmaterialisierten, die sich in ihr ausspricht. Ein Galgenbruder ist die beneidenswerte Zwischenstufe zwischen Mensch und Universum. Nichts weiter. Man sieht vom Galgen die Welt anders an und sieht andere Dinge als Andere.“ Palma Kunkel, die sich gerne auch als „singende Tellermine“ titulieren lässt, hat in Morgensterns Fundus gestöbert und einige seiner schönsten und originellsten „Galgenlieder“ ausgegraben, die eigens für sie vertont wurden. Sie lässt die sprechende Hausschnecke drauflos plaudern und den Walfafisch glupschäugig ins Publikum glotzen, sie schwadroniert und philosophiert, und sie schafft es, den zeitlosen Charme der Morgensternschen Poesie aufs Amüsanteste herauszupräparieren.

Verbindungslinien zum Bauhaus

Doch es sind nicht allein des Dichters Fabelwesen, die sie dabei begleiten. Ralph Sun hat für „Morgensterne“ einige bezaubernde Varieté-Nummern ausgesucht: das famose Trapez-Duo Nostalgia, das in luftiger Höh‘ eine beeindruckend vielseitige Nummer zeigt, die sich mal energiegeladen und dann wieder sehr poetisch präsentiert; die Antipoden-Jongleurin Nataliya Egoriva, die allerlei geometrische Gegenstände auf ihren Füßen tanzen lässt; das Ball-Diabolo-Jonglage-Duo Carré Curieux, das Witz und Vir­tuosität vereint; Kaatie Akstinat, die am Vertikalseil alles gibt; und natürlich den Avantgarde-Jongleur Jochen Schell, der mit Jalousie und Ringen die erstaunlichsten Formen und Bewegungsabläufe auf die Bühne zaubert - und der im dritten Akt einen Stabtanz zeigt, der auch einem Oskar Schlemmer Respekt abgenötigt hätte. Zu ihm und seinen Bauhaus-Kollegen zieht Ralph Sun immer wieder kreative Verbindungslinien.

Dass die Show diesmal in drei Akte mit zwei Pausen gegliedert ist, nimmt den „Morgensternen“ zwischendurch etwas von ihrem Tempo. Doch diese Dramaturgie ist dem außergewöhnlich aufwendigen Bühnenbild geschuldet, das im Laufe des Abends zweimal komplett wechselt. Die Bühnenbauer Werner Fritzsche und Marcelo Pivoto erweisen auch hier der Bauhaus-Ästhetik die Ehre - und machen mit ihren großartigen Kulissen Lust, den Künstlerinnen und Künstlern in jene Welt der Phantasie zu folgen, in der die Zuschauer nur zu gerne zu Galgenbrüdern und -schwestern in Morgensterns Geiste werden.

Weitere Vorstellungen täglich außer montags bis 30. Oktober.

 

Artikel vom 31.08.2010 © Eßlinger Zeitung

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Leser-Kommentare (2)

-› Artikel kommentieren

09.09.2010 00:25 von Kai

super, da habe ich gerade Lust direkt los zu gehen und die Show zu geniessen...

31.08.2010 17:00 von Evi Leupold

super!!!


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